Die Paulaner Story | Im Namen des Bieres | 1
Shownotes
Folge 1/4: Vom Klosterfass zur Kultmarke: Die Paulaner-Staffel erzählt, wie aus einem Mönchsbier ein globales Symbol bayerischer Identität wird. Echte Geschichten aus dem Paulanergarten über Tradition und Industrialisierung. Über ein Bier, das zu einem Spezi wird und zur Weltmarke und Memeikone avanciert. 1634 entsteht in einem Münchner Kloster ein Bier, das zur Legende wird. Gebraut von Mönchen, gedacht als Flüssignahrung, wird es zum verbotenen Geheimtipp. Unternehmer Franz Xaver Zacherl führt die Brauerei im 19. Jahrhundert in die Moderne und macht Paulaner zum Symbol industrieller Innovation: Vom Klosterfass ins Fußballstadion, vom Paulaner Kult-Spezi in die Festzelte der ganzen Welt.
Kontakt: imperium@studio-jot.de Folge IMPERIUM: https://www.instagram.com/imperium.podcast/
Transkript anzeigen
00:00:01: Jörg.
00:00:08: Es ist der zwanzigste Mai, zweitausend.
00:00:11: Mein Kommentatorenkollege und ich sitzen zusammen mit sechzigtausend Fußballfans im Münchner Olympiastadion.
00:00:17: Es ist die letzte Spielminute am letzten Spieltag der Bundesliga.
00:00:22: Bayern gegen Bremen.
00:00:23: Es steht drei zu null für Bayern.
00:00:26: Ganz ehrlich, selbst ein Wunder kann Bremen jetzt nicht mehr retten.
00:00:29: Das ganze Stadion hält den Atem an.
00:00:32: Es ist kaum auszuhalten.
00:00:33: Alle schauen auf den Schiedsrichter.
00:00:35: Wann kommt endlich die Erlösung?
00:00:39: Abfisch!
00:00:40: Bayern ist Meister!
00:00:44: Welch ein Anblick.
00:00:45: Die Spieler und Fans liegen sich gleichermaßen in den Armen.
00:00:50: Warte mal, was ist das?
00:00:52: Bayern-Stürmer Giovanni Elba hat ein riesiges Bierglas in der Hand.
00:00:57: Er nähert sich langsam seinem Trainer Ottmar Hitzfeld von hinten.
00:01:00: Er wird doch nicht.
00:01:01: Oh doch, er wird.
00:01:07: Schau sich das einer an.
00:01:09: Der Stürmer kippt wirklich das drei Liter Bierglas über Ottmar-Hitzfeld.
00:01:14: Schade um den schönen Anzug und das Sacco.
00:01:16: Das dürfte die erste Weißbier-Dusche der Bundesliga sein.
00:01:20: Die erste Weißbier-Dusche aller Zeiten würde ich behaupten.
00:01:23: Und wir sind live dabei.
00:01:26: Und jetzt machen es alle einer nach dem anderen.
00:01:30: Das schöne Paulader, was für eine Verschwendung.
00:01:33: Von wegen Verschwendung, hier wird Fußballgeschichte geschrieben und vielleicht der feuchteste Segen verteilt, den der Fußball je gesehen hat.
00:01:48: Ob pure Fußballerfreude oder raffinierter Marketing-Schachzug.
00:01:53: In diesem Moment wird ein Mythos geboren.
00:01:56: Noch eher der Rasen trocken ist, wird die Bierdusche in ganz Deutschland zelebriert.
00:02:02: Paulana wird zum Symbol für bayerischen Stolz und Lebensfreude.
00:02:07: Im Jahr zweitausend ist die Münchner Brauerei bereits eine der führenden Weißbiermarken.
00:02:13: Nun wird sie über nationale und internationale Grenzen hinweg sichtbar.
00:02:18: Aus Paulana wird Popkultur.
00:02:21: Doch diese Geschichte aus dem Paulanagarten beginnt nicht auf nassem Gras, sondern vor über dreihundertfünfzig Jahren hinter dicken bayerischen Klostermauern.
00:02:31: Dort, in der Stille einer unscheinbaren Mönchsbrauerei, entsteht der erste Sud.
00:02:38: und mit ihm ein Konflikt mit Münchens Zünften.
00:02:42: Ein Skandal, der erst Bayerns Trinkkultur und später ganz Deutschland verändert wird.
00:03:02: Ich bin Marc-Wenpoch und das ist Imperium, die Paulana Story von Studio J. Paulana ist heute die größte Brauerei Bayerns und gehört zu den top drei Bierkonzernen in ganz Deutschland.
00:03:31: Weltweit wird kein anderes deutsches Bier so sehr mit deutscher Biertradition und dem Oktoberfest verbunden.
00:03:37: Vom Salvator stark Bier bis zum Weißbier, vom Wiesenzelt bis zum Münchner Olympiastadion.
00:03:44: Paulana steht für das, was weltweit oft als das Sinnbild des German Beer angesehen wird.
00:03:51: Als eine der sechs Traditionsbrauereien des Oktoberfestes steht Paulana an der Schnittstelle von Handwerk und Hochglanz.
00:03:58: Zwischen Brautradition, Markenmythos und bayerischer Popkultur.
00:04:04: Doch die Marke steht längst für mehr als nur Bier.
00:04:08: Unter dem selben Dach entsteht auch Spezi, der berühmte Lemonaden-Mix aus Cola und Orange, den das Unternehmen selbst nicht erfunden hat.
00:04:17: In dieser Staffel erleben wir das altehrwürdige Klosterbier im Spannungsfeld zwischen Jahrhunderte alter Traditionen und Technologie getriebener Gegenwart.
00:04:27: Zwischen Kupferkesseln und Konzernbilanzen glauben, und Gewinn.
00:04:33: Eine Geschichte über Anpassung, Identität und eine Brauerei, die mit dem Geist der Mönche längst nur noch das Etikett gemein hat.
00:04:43: Das ist Folge eins von vier.
00:04:45: Im Namen des Bieres.
00:04:55: München im Jahr sechzehnhundertvierunddreißig.
00:04:59: Hinter den Mauern des Paulana-Klosters Neudeck Obderau singen die Mönche ihr Mittagsgebet.
00:05:06: Ein süßmalziger Duft von Starkbier.
00:05:09: liegt über dem Gelände.
00:05:12: Im Kräutergarten an der Klostermauer sind zwei Mönche in ihrer Arbeit vertieft, als sie Stimmen hören.
00:05:24: Oder Markus, hörst du das?
00:05:26: Ja, das heißt nichts Gutes.
00:05:29: Vor dem Klostertor versammelt sich eine wütende Menschenmenge.
00:05:33: Wirtenen und Wirte unterstützt von Bierbrauern aus der ganzen Stadt, angefeuert von einigen Schaulustigen.
00:05:42: Eine Wirten tritt hervor und hemmert gegen das schwere Klostertor.
00:05:56: Beim heiligen Franziskus, was sollen wir tun, Bruder Markus?
00:06:00: Eile durchs Seitentor zum Rathaus.
00:06:02: Der Bürgermeister wird wissen, was zu tun ist.
00:06:04: Ich versuche, sie so lange aufzuhalten.
00:06:06: Geschwind, Bruder Benedikt.
00:06:12: Brüder und Schwestern, wir haben nichts Unrechtes getan.
00:06:16: Wir brauen unser Bier für Gott und die Armen.
00:06:36: In München kursiert seit Wochen das Gerücht.
00:06:39: Die Paulanermönche würden ihr Starkbier nicht mehr nur spenden.
00:06:43: sondern heimlich verkaufen, zu preisen, mit denen niemand konkurrieren kann.
00:06:50: Ein Mann alter an, es ist der Bürgermeister.
00:06:54: Im Namen der Stadt, haltet ein.
00:06:58: Was wollt ihr von dem Kloster und seinen München?
00:07:01: Gerechtigkeit, Herr Bürgermeister.
00:07:03: Die Paulana
00:07:04: Münche verkaufen das Bier wie Kräme.
00:07:07: Und wir sollen dabei zusehen.
00:07:09: So weit kommt's noch.
00:07:10: Vorher sollen die Münche am eigenen Leib erfahren.
00:07:13: Was sie mir und meiner Familie antun.
00:07:16: Ruhe, gute Frau.
00:07:17: Ich verstehe euren Kummer.
00:07:22: Wäre dem flüssigen Kloster Segen längst verfallen.
00:07:25: Warum sollten wir euch glauben?
00:07:27: Schweig, ich bin hier als Vertreter der Stadt.
00:07:30: Nicht als Zecher.
00:07:32: Ich sehe euren Ärger.
00:07:34: Aber kein Urteil ohne Rat.
00:07:37: Ich bringe euer Anliegen vor den Stadtrat.
00:07:42: Der Bürgermeister verspricht, den Streit im Rat zu prüfen.
00:07:46: hin und her gerissen zwischen Amtspflicht und seiner eigenen Vorliebe für das klösterliche Starkbier.
00:07:52: Was als Trunk beginnt, wird zum Politikum.
00:07:56: Wem gehört ein Bier, Kirche, Stadt oder dem freien Markt?
00:08:02: Eine Auseinandersetzung, die München noch sehr lange beschäftigen wird.
00:08:11: Im Kloster Neudeck, ob der Au bei München, entsteht im siebzehnten Jahrhundert ein Bier, das die ganze Stadt in einen Rausch versetzt.
00:08:19: Ein Starkbier gebraut von München.
00:08:22: Nahhaft, süß und kräftig.
00:08:25: Sie nannten es Sanktvaterbier.
00:08:28: Doch im Volksmund wurde daraus mit der Zeit Salvator, lateinisch für Retter.
00:08:33: Ein Name, der bis heute für bayerische Brautradition und den Ursprung des Starkbiers steht.
00:08:40: Gedacht als flüssige Nahrung für die Fastenzeit, um die strengen Regeln der Kirche zu umgehen.
00:08:46: Zunächst nur für den Eigenbedarf erlaubt, wird das Bier schon bald zum begehrten, aber verbotenen Trunk in München.
00:08:54: In einer Beschwerde vom vierundzwanzigsten Februar, sechzehnhundertvierunddreißig, klagen Münchner Bierbrauer über den Verkauf des illegalen Klosterbierers.
00:09:04: Ein Dokument, das heute als Gründungsurkunde der Brauerei gilt.
00:09:13: Nach der Säkularisation, als die Klöster enteignet und aufgelöst werden, verliert Neudeck, ob der Au, siebzehnhundertneunundneunzig seine Mönche.
00:09:23: Doch das Bier überlebt.
00:09:26: In den letzten Jahren erhält der Münchner Unternehmer Franz Xaver Zacherl die Konzession und pachtet die Anlage.
00:09:33: Zacherl, damals thirty-four Jahre alt, gilt als ehrgeiziger Brauer mit Unternehmergeist.
00:09:39: Er erkennt das Potenzial des klösterlichen Bieres, das sich in München großer Beliebtheit erfreut.
00:09:45: Zacherl verwandelt das ehemalige Kloster in eine zeitgemäße Privatbrauerei und macht das Salvator Starkbier zum Markenzeichen.
00:09:54: Der Name seines Unternehmens, Zacherlbräu.
00:09:58: Bereits in den Achtzehnhundertreißiger Jahren exportiert er einige Bierfässer des Starkbiers in andere europäische Länder, nach Indien und Nordafrika.
00:10:09: Die Mengen sind überschaubar, aber es ist eine logistische Pionierleistung, Jahrzehnte vor Eisenbahn und Dampfschiff.
00:10:20: Anfang der Achtzehnhundertvierziger Jahre umfasst Zacherls Unternehmen geschätzt, und produziert knapp vierzigtausend Hektoliter Bier im Jahr.
00:10:31: Eine bemerkenswerte Menge für die Zeit und ein früher Vorbote der industriellen Brauerei in München.
00:10:38: Das Sortiment reicht vom kräftigen Salvator Starkbier bis zu helleren Lager- und Sommerbieren, die Zacherl erstmals einen ganzjährigen Absatz ermöglichen, da Starkbier ein saisonales Bier ist.
00:10:52: Doch der Unternehmer will mehr als nur solide Zahlen.
00:10:55: Er sucht nach Lösungen, die den Brauprozess revolutionieren.
00:10:59: Was einst als Handwerkskunst begann, steht nun vor seinem ersten technischen Quantensprung.
00:11:15: In Südhaus der Zacherlbrauerei zu Stampf aus neuen Rohren.
00:11:21: Zahnräder greifen funkensprühen.
00:11:25: Zum ersten Mal kocht das Bier, ohne dass ein Mensch den Kessel rührt.
00:11:31: Brau-Reiche Franz Xaver Zacher steht neben seinen Arbeitern.
00:11:36: Gemeinsam bestaunen sie die neue Dampfmaschine, die erstmals eine neuartige Maischmaschine antreibt.
00:11:44: Seht euch das an, meine Herren.
00:11:46: Dieser Anlage ist ein technisches Wunder, die erste ihrer Art in ganz München.
00:11:51: Keine Müdigkeit, keine Fehler, nur reine Kraft.
00:11:56: Damit brauen wir mehr, schneller und besser als alle anderen.
00:12:01: Der alte Braumeister meldet sich zu Wort.
00:12:04: Was wenn sie versagt, Herr Zacherl?
00:12:06: Wenn das Feuer erlischt oder der Dampf entweicht, dann heizen wir nach, flicken und tüfteln, bis sie wieder läuft.
00:12:14: Das ist die Zukunft, meine Herren.
00:12:19: Als Zacherl das Sudhaus verlässt, bleibt nur das Grollen der Maschine.
00:12:24: Und dass der Männer diese bedienen sollen.
00:12:27: Unter ihnen auch der Braumeister.
00:12:30: Ein Wunder, sagt er.
00:12:32: Ich nenn's ein Monster.
00:12:34: Eins, das keinen Schlaf braucht.
00:12:36: Keinen Lohn, keinen Dank.
00:12:38: Ich sag's euch, dieses Ungetüm wird uns alle auffressen.
00:12:44: Ein Geselle meldet sich zu Wort.
00:12:46: Aber sie macht unsere Arbeit Einfahrermeister.
00:12:49: Und auch besser.
00:12:51: Besser?
00:12:52: Diese Maschine kennt keinen Geschmack, keinen Bauchgefühl.
00:12:55: Ein Kessel könnte dumm sein und sie würde weiterrühren, als wär's feinster Gerstensaft.
00:13:02: Für den Brauereichef ist die Maschine ein Versprechen auf Fortschritt, auf Effizienz, auf den Vorsprung vor allen anderen Brauern der Stadt.
00:13:11: Sie bringt Präzision, aber verändert nicht nur das Bier, sondern das Brauen selbst.
00:13:17: Ein erster Schritt in eine Zukunft, in der Maschinen den Takt bestimmen.
00:13:27: Mit der Dampfmaschine wagt Sahral als erster Bierbrauer Münchens den Schritt ins Industriezeitalter.
00:13:34: Das sogenannte Dampfbier Sorgt für Schlagzeilen.
00:13:38: Die Stadt spricht vom Wunder aus der Au.
00:13:41: Doch die Pionierarbeit hat ihren Preis.
00:13:45: Nach wenigen Monaten muss Zacherl die Produktion aufgrund von technischen Problemen und Startschwierigkeiten vorerst wieder auf Handbetrieb umstellen.
00:13:55: Trotzdem bleibt sein Aufstieg ungebremst.
00:13:58: Mit dem Salvatorbier tritt Zacherl in direkte Konkurrenz zum königlichen Hofbräuhaus.
00:14:05: Das Paulaner Kloster hat die Tradition des Starkbiers in München zwar begründet, doch das Hofbräuhaus, ausgestattet mit staatlicher Macht und großem Einfluss, beansprucht die Vorherrschaft auf dem Starkbiermarkt für sich.
00:14:23: In dieser Zeit erlebt München einen beispiellosen Aufschwung.
00:14:27: Keine andere Stadt im Königreich Bayern konsumiert so viel Bier wie die Isar-Metropole.
00:14:33: Der jährliche Pro-Kopfverbrauch liegt bei über fünfhundert Litern.
00:14:38: Auch weil Bier in dieser Zeit nicht nur als Genussmittel, sondern als alltägliches Grundnahrungsmittel gilt.
00:14:46: Oft sauberer als Trinkwasser stüllt es Hunger und Durst zugleich.
00:14:52: Doch während Münchens Brauereien vor diesem Hintergrund expandieren und Dampfmaschinen die Sudhäuser erobern, steigt der Druck im Kessel der Gesellschaft.
00:15:01: Rohstoffe werden teurer, Löhne stagnieren, ein soziales Pulverfass Das ausgerechnet Bayerns König Ludwig I. im Frühjahr, in den letzten Jahren, in den letzten Jahren entzündet.
00:15:12: Mit einer Steuer auf Münchens kostbarstes Gut.
00:15:27: Die Stadt bebt.
00:15:29: Rund zweitausend Münchner, überwiegend Männer, ziehen wütend durch die Straßen.
00:15:34: Der Anlass, ein einziger Pfennig pro Liter Bier.
00:15:39: König Ludwig I. hat eine neue Biersteuer verhängt und damit den Bierpreis für viele spürbar erhöht.
00:15:46: Vor den Brauereien fliegen Steine, Fenster bersten, die Stadt versinkt in Lärm und Chaos.
00:15:53: Nun marschiert die Mäute geradewegs auf die Paulana Brauerei zu.
00:15:58: Drinnen bereiten sich Brauerei-Chef Zacher und seine Angestellten auf das Schlimmste vor.
00:16:04: Zahral ist kein Politiker, kein Königstreuer.
00:16:07: Nur ein Unternehmer, der sich zwischen Volk, König und Kesseln wiederfindet.
00:16:13: Verriegelt die Tore, niemand geht hinaus, niemand kommt herein.
00:16:17: Zahral tritt ans Fenster, erhebt die Stimme über den Lärm zur aufgebrachten Menschenmenge.
00:16:24: Meine Freunde, ich bin einer von euch.
00:16:28: Das Bier gehört uns allen, nicht dem König.
00:16:32: Aber Gewalt hilft keinen.
00:16:34: Das Bier wird davon nicht billiger.
00:16:42: Einfällig mehr, das verkraftet meine Familie nicht.
00:16:46: Das tägliche Leben ist ohnehin kaum noch bezahlbar.
00:16:50: Die Menge tobt.
00:16:52: Doch niemand rückt ab.
00:16:54: Zacher sieht eine Polizeitruppe am Rande der Menge, die die Lage beobachtet.
00:16:59: Polizei, Hauptmann, ich bitte euch, greift ein.
00:17:03: Sie werden uns hier die Tore einrennen und alles kurz und klein schlagen.
00:17:07: Habt ihr keine Befehl, einzuschreiten?
00:17:10: Durchaus, ein Befehl liegt vor.
00:17:12: Doch meine Männer rühren sich nicht.
00:17:14: Ich zwinge sie nicht, auf ihre eigenen Leute loszugehen.
00:17:18: Ihr steht also nur da und seht zu.
00:17:23: Die Polizei steht uns.
00:17:25: Dann holen wir!
00:17:31: Zacherl wendet sich an seiner Arbeiter.
00:17:34: Lass die gewähren, ich will keine Verletzten.
00:17:36: Nicht wegen ein paar Fässern Bier.
00:17:44: Die wütende Menge lehrt die Fässer, verschüttet Vorräte.
00:17:48: Doch die Wut fordert zumindest keine Menschenleben.
00:17:52: Fünf Tage später knickt der König ein und nimmt die Steuer zurück.
00:17:56: Der eine Pfennig war nur der Funke.
00:17:59: Dahinter brannte eine existenzielle Angst.
00:18:03: Franz Xaver Zahral erkennt, dass Bier in Bayern mehr ist als nur ein Getränk.
00:18:08: Es ist sozialer Kit und politisches Barometer zugleich.
00:18:13: Und das gilt auch für ihn selbst.
00:18:16: Zahral ist der, der das Unternehmen zusammenhält.
00:18:19: Es antreibt, ihm Richtung gibt.
00:18:21: Das Gesicht und die Seele der Brauerei.
00:18:25: Unter seiner Führung ist Paulana zur modernsten Brauerei Münchens geworden.
00:18:30: Ein Vorzeigeunternehmen des Fortschritts.
00:18:33: Doch auch Visionäre leben nicht ewig.
00:18:36: Als Zacherl mit siebenundsebzig Jahren stirbt, stürzt seine Brauerei in eine Zukunft, auf die sie nicht vorbereitet ist.
00:19:00: Achtzehnhundertfünfundachtzig in München.
00:19:03: Nach dem Tod von Franz Xaver Zacherl Landet die Brauerei über Umwege in den Händen seiner Großneffen Ludwig und Franz Schmedera.
00:19:12: Das Unternehmen schreibt solide Zahlen, doch der Markt verändert sich rasant.
00:19:17: In der Sudhalle zwischen dampfenden Kesseln und malenden Zahnrädern beraten die beiden Geschäftsführer über die Zukunft.
00:19:25: Franz, wir müssen was tun.
00:19:28: Die Zeiten von Holzfässern und Pferdekarren sind endgültig vorbei.
00:19:32: Die Brauereien Franziskana und Spatenbräu arbeiten bereits mit neuartigen Kältemaschinen, die Luft mithilfe von Kompressoren verdichten sollen.
00:19:41: Ich hab davon gehört, das Bier soll damit selbst im Sommer frisch bleiben.
00:19:45: Bier, das immer und überall gleich schmeckt.
00:19:48: Egal ob Januar oder August, das ist die Zukunft.
00:19:52: Eine teure Zukunft.
00:19:53: Franziskana und Spatenbräu, aber auch Hacker, Löwenbräu oder Augustiner haben tiefere Taschen als wir.
00:20:00: Wir haben mit Paulana und Salvator starke Marken, ja.
00:20:04: Aber unsere Absatzzahlen sind es nicht.
00:20:07: Darum müssen wir jetzt handeln.
00:20:09: Den Betrieb in einer Aktiengesellschaft umwandeln.
00:20:12: Uns für Partner mit Kapital öffnen, die bei Investitionen helfen.
00:20:16: In Kühlung, Abfüllung, Transport.
00:20:19: Du redest als ging es nur Maschinen.
00:20:21: Eine Aktiengesellschaft.
00:20:23: Du weißt, was das heißt?
00:20:25: Wir geben das Heft aus der Hand.
00:20:27: Ich weiß, aber ohne Risiko?
00:20:29: Kein Wachstum.
00:20:30: Und ohne Wachstum sind wir nicht mehr lange wettbedarfsfähig.
00:20:34: Wir wären nur noch ein Münchner Bier von vielen.
00:20:38: Und mit Aktien könnten wir die größte Brauerei Münchens werden.
00:20:42: Vielleicht sogar von ganz Bayern.
00:21:03: Unter den beiden Männern beginnt der Aufstieg vom Klosterbetrieb zum modernen Wirtschaftsunternehmen mit Vorstand und neuen Kapitalgebern.
00:21:11: Der Name Paulana-Salvatorbrauerei.
00:21:15: Mit klarem Fokus auf die beiden stärksten Marken der jungen Aktiengesellschaft, Starkbier und Paulana.
00:21:23: Mit neuem Kapital aus Münchner Kaufmannskreisen entstehen Sudhäuser aus Stahl und Backstein, großzügige Kühlkeller und dampfbetriebene Apfelanlagen.
00:21:34: Der jährliche Bier-Ausstoß steigt auf über hundred-vierzichttausend Hektoliter, unterstützt von einem nie-dar-gewesenen Bierboom in der bayerischen Hauptstadt.
00:21:44: Ende des neunzehnten Jahrhunderts erschaffen Ludwig und Max Schmederer aus einer klösterlichen Tradition ein städtisches Ereignis.
00:21:53: Auf dem Nockherberg, woeins die Paulanermönche ihr Starkbier ausschenken, lassen die beiden Schmederer den Salvatorkeller errichten.
00:22:02: Hier feiern sie jedes Frühjahr den offiziellen Ansticht des saisonalen Starkbiers.
00:22:11: Ludwig und Max Schmederer erkennen das Potenzial, Paulana Breiter aufzustellen.
00:22:16: Mehr zu sein als nur klösterliches Starkbier.
00:22:20: Unter ihrer Leitung emanzipiert sich die Brauerei und erweitert ihr Sortiment um helle Lager, Export und Saisonbiere.
00:22:28: Ein Schritt in Richtung moderner Mastenproduktion.
00:22:32: Doch die ehrgeizigen Expansionspläne werden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs je gestoppt.
00:22:38: Ein Einschnitt, der die Bierbranche hart trifft.
00:22:42: Rohstoffmangel, Inflation und Zwangswirtschaft bringen viele Traditionshäuser an den Rand des Ruins.
00:22:49: Paulana übersteht die Jahre, indem die Brauerei eine strafforganisierte, ressourcenschonende Betriebsführung einführt.
00:23:02: In den neunzehntzwanziger Jahren, nach Ende des Ersten Weltkriegs, kann die Vergrößerung des Unternehmens wieder vorangetrieben werden.
00:23:09: Durch Zugkäufe und Beteiligungen an Brauereien wie Coburg, Rosenheim oder Miesbach.
00:23:16: In den letzten Jahren überschreitet Paulana erstmals die Marke von mehr als dreihunderttausend Hektoliter Jahresproduktion.
00:23:23: Platz fünf unter den Münchner Großbrauereien.
00:23:26: Hinter Löwenbräu, Spaten, Pschor und Hacker.
00:23:31: Doch um an die Spitze zu kommen, muss das Kloster Bier das brechen, was es am meisten liebt.
00:23:36: Seine eigene Tradition.
00:23:38: ... auf dem Hof der Paulana-Salvator-Brauerei.
00:23:50: Ein Braumeister und sein Geselle sitzen in der Mittagssonne, die Hemdsärme hochgekrempelt, drinnen in der Halle wird gefeiert.
00:23:58: Die Belegschaft stößt mit dem Vorstand an.
00:24:02: Schauen Sie, Meister, da drüben, die Chefs stoßen mit Bier an.
00:24:06: Was genau gibt's da zu feiern?
00:24:08: Die Vermehlungsfeierbrauerei, Paulana und Thomas-Breu.
00:24:13: Heißt das, wir gehören jetzt zu Thomas-Breu?
00:24:15: Ehrlich gesagt mag ich deren Bier nicht besonders.
00:24:18: Nein, die gehören jetzt zu uns.
00:24:21: Genau genommen zur Paulano Salvator Thomas Bräuer AG.
00:24:25: Gemeinsam sind wir nun die zweitgrößte Brauerei Münchens.
00:24:29: Das klingt doch gut, Meister.
00:24:31: Oder einfach nicht.
00:24:32: Na ja, die Lahren holen mit Thomas Bräuer auch deren Biersortiment zu uns in den Betrieb.
00:24:39: Darunter ein norddeutsches Bier ein.
00:24:41: Pilz.
00:24:43: Pilz?
00:24:44: Hab ich schon von gehört.
00:24:45: Soll frischer schmecken?
00:24:47: Wenn du mit frisch wässrig meinst, dann ja.
00:24:50: Das trinkt man nördlich vom Main, wo man kein echtes Bier kennt.
00:24:54: Warum nördlich vom Main?
00:24:56: Dort ist das Wasser weich, fast ohne Kalk.
00:24:59: Gut für Hopfen.
00:25:00: Darum sind die Biere dort hell, klar und herrn.
00:25:04: Im Süden ist das anders.
00:25:06: Unser Wasser ist hart, voller Mineralien.
00:25:09: Das verlangt nach Malz.
00:25:11: Und unsere Braukunst kommt aus den Klöstern.
00:25:15: Darum sind unsere Biere dunkler, kräftiger, gehaltvoller.
00:25:19: Und warum brauen wir dann dieses Pilzmeister, wenn's nichts taugt?
00:25:23: Weil es leichter und billiger ist.
00:25:25: Das spricht wohl die Jungen an.
00:25:27: Und weil die Herren vom Vorstand meinen, man müsse über Bayern hinaus wachsen.
00:25:32: Man will so den Norden erobern und dort Radeberger den Rang ablaufen.
00:25:37: Und das ist keine gute Idee, finden sie?
00:25:39: Zuerst brauen wir wie die Fischköppe im Norden.
00:25:42: Dann vergessen wir, wie unser eigenes Bier schmeckt.
00:25:44: Wenn ein Bier so klar ist wie Pferdepisse, dann taugt es nichts.
00:25:50: Ein echtes Münchner, das muss Charakter haben.
00:25:57: Die Fusion zur Paulana Salvador Thomas Bräu AG bringt das Klosterbräu auf die Überholspur.
00:26:03: Mit einem Jahresausstoß von fast fünfhunderttausend Hektolitern zieht das Unternehmen an den Konkurrenten Hacker, Spaten und Pschor vorbei.
00:26:14: Paulana steht damit auf Platz zwei der Münchner Brauerei-Betriebe.
00:26:18: Nur der Gigant Löwenbräu produziert mit rund einer Million Hektoliter noch mehr.
00:26:24: In dem neu filmierten Unternehmen arbeiten nun über fünfhundert Beschäftigte, verteilt auf zwei Braustätten.
00:26:32: Das Salvator Starkbier bleibt das Aushängeschild.
00:26:36: Symbol bayerischer Lebensart vom Nockerberg bis zu den Alpen.
00:26:44: Die nineteenhundertzwanziger sind die blühte Zeit der Münchner Bierwirtschaft.
00:26:49: Sieben Großbrauereien produzieren gemeinsam über drei Komma fünf Millionen Hektoliter Bier im Jahr.
00:26:56: Statistisch gut fünfhundert Liter pro Einwohnerin und Einwohner.
00:27:01: München ist die deutsche Bierhauptstadt.
00:27:03: Ihr Name ist der Inbegriff für Qualität und Genuss.
00:27:07: Doch das goldene Jahrzehnt endet abrupt.
00:27:10: Die Weltwirtschaftskrise von nineteenhundertzwanzig trifft auch die Brauereien.
00:27:15: Der Konsum sinkt, Exporte brechen ein.
00:27:18: Hunderte Wirtenen und Wirte müssen aufgeben.
00:27:22: Paulana übersteht die Krise nur dank solider Kapitalbasis, moderner Technik und einer klaren Markenstrategie.
00:27:30: In Anzeigen und Plakaten betont Paulana seine Wurzeln, das Klosterhandwerk und die Münchner Bierkultur.
00:27:38: Doch während das Unternehmen Krisen trotzt, verändert sich das Land.
00:27:42: Politik zieht in die Wirtshäuser ein.
00:27:45: Und Paulana findet sich bald im Zentrum eines Spektakels wieder, das mit Braukunst immer weniger zu tun hat.
00:28:01: September, nineteenhundert und dreißig auf den Straßen von München.
00:28:06: Zum ersten Mal ziehen zur Eröffnung des jährlichen Oktoberfestes alle Wiesenbrauereien gemeinsam durch die Stadt.
00:28:12: Mit prächtig geschmückten Bierwagen, Röschern, Blaskapellen und Bedienungen in Tracht.
00:28:19: Eine Inszenierung der Nationalsozialisten, in der sie nationale Stärke unter dem Deckmantel Bayerischer Tradition vermitteln wollen.
00:28:28: Mitten drin Paulana, weiß und blau in Farbenmeer der Hakenkreuze.
00:28:34: Auf dem punktvollen Wagen sitzt ein stolzer Kutscher.
00:28:38: Neben ihm eine junge Kellnerin, die vom Wagen aus Süßigkeiten in die Menge werfen soll.
00:28:44: Doch sie zögert.
00:28:47: Schau dir das an, die ganze Stadt ist auf den Beinen.
00:28:50: Ich glaube, so viele Menschen habe ich noch nie gesehen.
00:28:53: Ja,
00:28:54: und so viele Fahnen, die nichts mit Bier oder Oktoberfest zu tun haben.
00:28:59: Überall Hakenkreuze.
00:29:01: Ach was, heute ist Wiesen, die Leute lachen, das Bier fließt, was willst du mehr?
00:29:07: Das ist es ja, die merken gar nicht, was hier geschieht.
00:29:11: Na Herrschaftszeiten, würf einfach die Süßigkeiten in die Menge, ja?
00:29:15: Siehst du nicht all die Kinder, die uns zujubeln?
00:29:19: Und wie ich sie sehe, mir wird ganz anders beim Anblick, wie sie da vorne die Arme heben.
00:29:26: Macht es dir denn gar nichts aus?
00:29:28: All das?
00:29:29: Wir ziehen hier mit uniformierten
00:29:31: Marschgruppen,
00:29:32: Parzei-Funktionären und dem Militär durch die Stadt.
00:29:36: Zur Eröffnung des Großdeutschen Volksfestes, wie das Oktoberfest nun genannt wird.
00:29:42: Das ist doch nicht normal.
00:29:44: Vielleicht.
00:29:46: Aber wir können es nicht ändern.
00:29:48: Wir fahren halt mit, halten den Kopf unten.
00:29:51: Am Ende zählt doch nur das Bier, richtig?
00:29:53: Bis sie uns vorschreiben, wem wir zubrüsten
00:29:56: dürfen.
00:30:07: Ein Relikt aus einer Zeit, in der sich Volksfest und Propaganda untrennbar verbunden waren.
00:30:28: Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die Stadt in Trümmern.
00:30:31: Doch das Bier kehrt zurück, noch bevor die Mauern wieder stehen.
00:30:35: Paulana überlebt und wächst in der Nachkriegszeit über sich hinaus.
00:30:40: Der alte Traum der Zachalfamilie von der größten Brauerei Bayerns scheint greifbar nah.
00:30:46: Dazu muss sich Paulana neu aufstellen.
00:30:49: Mit einem Getränk, das man selbst nicht erfindet, aber gekonvermarktet.
00:30:54: Eine braune Mixlimonade namens Spezi.
00:30:58: Sie macht Paulana zur Lieblingsmarke einer neuen Generation und öffnet das Tor zu einer Zeit, in der Bier, Werbung und Fußball verschmelzen werden.
00:31:17: Das war Folge eins von vier von Imperium über Paulana.
00:31:22: Wenn du mehr über Paulana erfahren möchtest, empfehlen wir dir das Buch Der Salvator auf dem Nockerberg von Richard Winkler und die dreihundertfünfzig Jahre Jubiläumsfestschrift von Hannes Burger.
00:31:34: Ein Hinweis zu den Dialogen, die du gehört hast.
00:31:36: Wir wissen natürlich nicht genau, was gesprochen wurde.
00:31:39: Alle Dialoge basieren nach bestem Wissen auf unseren Recherchen.
00:31:43: Ich bin Marc-Ben-Puch.
00:31:44: Und ich bin Aline Staskowiak.
00:31:47: Olindo Frick hat die Folge geschrieben.
00:31:49: Für Studio J. Producerin Helene Feldmayer.
00:31:53: Executive Producer Janis Gebhardt.
00:31:56: Tonassistenz, Axinia Dorn.
00:31:58: Das Sounddesign hat Julian Ortleb gemacht, gemischt von Fabian Klinke.
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