Die RTL Story | Rammeln, Töten, Lallen | 1
Shownotes
RTL hat die deutsche Fernsehlandschaft auf den Kopf gestellt. Sendungen wie “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!”, “Wer wird Millionär” oder “Big Brother” sind von unseren Bildschirmen nicht mehr wegzudenken. Doch die Geschichte des Fernsehsenders beginnt mit einem Kampf um die Rundfunkhoheit, dem Scheitern einer Koalition und einem kleinen Radiostudio in Luxemburg. Schon die erste Sendeminute des neuen Privatsenders sorgt für Aufsehen und in Kürze überschlagen sich die Schlagzeilen über fragwürdige Strip-Shows und Softpornos im RTL Abendprogramm. Doch der “Vater des Privatfernsehens”, Helmut Thoma, will mehr: Er will das Fernsehen revolutionieren und entdeckt dabei eine neue Zielgruppe. Dabei überschreitet er die Grenzen des Sendbaren und schon bald muss er sich nicht nur vor den Investoren, sondern auch vor der Öffentlichkeit rechtfertigen.
Der NDR-Talk zur Zulassung des Privatfernsehens in Norddeutschland (1986): https://www.youtube.com/watch?v=K5kIKL9JlAE
Kontakt: imperium@studio-jot.de Folge IMPERIUM: https://www.instagram.com/imperium.podcast/
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00:00:01: Jörg.
00:00:07: September neunzehnundneunundsiebzig.
00:00:09: Im Bundeskanzleramt in Bonn.
00:00:12: Im holzvertefelten Plenarsaar ist das Kabinett der sozial-liberalen Koalition aus SPD und FDP zur wöchentlichen Sitzung zusammengekommen.
00:00:22: Möchten Sie noch etwas Kaffee, Herr Bundeskanzler?
00:00:26: Ein Wasser wäre nicht schlecht.
00:00:30: Bundeskanzler Helmut Schmidt sitzt aufrecht am Kopf eines langen ovalen Eichentisches in einem drehbaren Ledersessel.
00:00:37: Konzentriert blickt er auf die Agenda, die vor ihm liegt.
00:00:40: Das graue Haar ist in einer Welle zur Seite gekämmt.
00:00:43: Vor ihm steht ein Aschenbecher.
00:00:50: Meine Herren und Damen natürlich, kommen wir nun zum wichtigsten Punkt unserer Tagesordnung, die neuen Medien.
00:01:01: Herr Bundeskanzler, liebe Kollegen, ich möchte mit einer Warnung beginnen.
00:01:06: Volker Hauf ist Bundesminister für Forschung und Technologie im zweiten Kabinett Schmidt.
00:01:12: Radio Tele Luxemburg plant, über Satellit in wenigen Jahren bis zu fünfzig private Fernsehprogramme nach Deutschland zu senden.
00:01:19: So hat es der Generaldirektor in diesem Interview angekündigt.
00:01:23: Wenn die Luxemburger bald ihr privates Climbim- und Larifari-Programm ungehindert nach Deutschland senden können, dann sehe ich das Ende der öffentlich-rechtlichen Anstalten kommen.
00:01:36: Bundeskanzler Schmidt nimmt einen Zug von seiner Zigarette.
00:01:41: Die neuen Übertragungstechniken stellen uns in der Tat vor einer Grundsatzdebatte.
00:01:47: Wir sind gut aufgestellt mit unseren drei öffentlich-rechtlichen Programmen ARD, ZDF und die dritten Lokalsender.
00:01:54: Sollen nun die unmittelbare Beeinflussungen durch das Fernsehen, ohne dass dabei die Denkfähigkeit des Publikums gefordert wird, noch durch private Fernsehsender verstärkt werden?
00:02:05: Wir müssen bedenken, dass die industriellen, demokratischen Gesellschaften sich bislang in technische Abenteuerregelrecht hineingestürzt haben.
00:02:13: Ohne Vorstellungen über die Folgen.
00:02:16: Keinesfalls dürfen wir diese Fehler wiederholen.
00:02:21: Wenn ich hinzufügen darf, Herr Bundeskanzler.
00:02:31: Bitte, Familienministerin Huber.
00:02:34: Das Innenrestaurer sollte untersuchen, wie sich die neuen Medien auf die Familien auswirken können.
00:02:40: Die Informationsfreiheit nach Artikel fünf findet schließlich ihre Grenze in Artikel sechs, dem Schutz der Familie.
00:02:47: Wenn Reizüberflutung unsere Wohnzimmer erobert, zerstört das die Privatheit der Familie und ich kann mir kaum etwas Gefährliches vorstellen.
00:02:57: Auch der uns vorliegende Zwischenbericht über die neuen Medien vom FDP-Kollegen Baum warnt davor, dass es bei einer Einführung von privaten Fernsehsender zu gesellschaftlichen Auswirkungen kommen kann.
00:03:07: Auch wenn er sonst insgesamt zu einer eher positiven Einschätzung der neuen Kommunikationstechnologien kommt.
00:03:14: Dieser Bericht aus dem Innenministerium verharmlost eindeutig die Folgen einer verkabelten TV-Republik.
00:03:21: Darüber hinaus, Herr Bundeskanzler, drohen, wenn wir die privaten Programme zulassen, politische Machtkonzentration und internationale Einflussnahme ohne ausreichende Kontrolle.
00:03:32: Zusammenfassend, wenn wir die Möglichkeiten der neuen Medien und des Kabelfernsins allzu schnell zulassen, Bieten wir den Verführern einen Weg in die Seele der Menschen.
00:03:47: Wir dürfen uns in diesen schwierigen Fragen nicht dem Entscheidungsdruck beugen.
00:03:53: Für das Protokoll?
00:03:55: Das Kabinett wird die Frage der Einsetzung einer neuen Kommission zur Klärung medienpolitischer Fragen und ihrer Auswirkungen im Auge behalten.
00:04:07: Sehr geehrter Herr Minister, Frau Ministerin, Werden die Bürger mit privaten Kabel- oder Satellitenprogrammen überflutet, kann das die Strukturen unserer demokratischen Gesellschaft grundlegend verändern.
00:04:19: Wir dürfen nicht in Gefahren hineintaumeln, die akuter und gefährlicher sind, als die Kernenergie.
00:04:30: Der zugespitzte Vergleich des amtierenden Bundeskanzlers, dass das Privatfernsehen gefährlicher sei als die Kernenergie, schmückt die Titelseiten der Deutschen Presse.
00:04:40: Das Fernsehen der Bundesrepublik ist fest in öffentlich-rechtlicher Hand und die Regierung unter Helmut Schmidt versucht mit allen Mitteln an diesem Monopol festzuhalten.
00:04:50: Aber bald nimmt die Forderung nach der Öffnung des Fernsehmarktes zu.
00:04:54: Der Druck auf Kanzler Schmidt wächst und seine Befürchtungen sollen schnell auf die harte Probe gestellt werden.
00:05:00: Der Koalitionspartner wird ihm in den Rücken fallen, dass Parlament ein Misstrauensvotum anstreben und seinen Nachfolger die neuen Medien auf seiner Seite wissen.
00:05:10: Damit öffnet sich die Tür für ein Medienimperium, das die deutsche Fernsehlandschaft auf dem Kopf stellen wird.
00:05:31: Ich bin Marc-Ben Poch und das ist Imperium, die RTL-Story von Studio J. Heutzutage gilt RTL mit fünfzehn Fernsehsendern zahlreichen Digitalangeboten und Zeitschriften als eines der einflussreichsten Medienunternehmen Deutschlands.
00:05:59: Der Fernsehsender ist der unangefochtene Marktführer in der werberelevanten Zielgruppe.
00:06:04: Darüber hinaus gilt RTL Plus mit über sechs Komma sechs Millionen kostenpflichtigen Abos als stärkster Konzern auf dem deutschen Streamingmarkt.
00:06:12: Mitte der neunzehnhundertfünfziger Jahre war daran jedoch noch nicht zu denken.
00:06:16: Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchen Regierungen, die Medien als kulturelles Gut zu kontrollieren.
00:06:21: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verteidigt in Deutschland seine Stellung als einziger Fernsehanbieter, bis diese mit einem neuen Programm aus Luxemburg in Zwanken gerät.
00:06:31: Das ist Folge eins von vier.
00:06:33: Rammeln, töten, lallen.
00:06:35: Fünften der Juli, in der Villa Louvigny in Luxemburg.
00:06:46: Im Studio von Radio Luxemburg sitzt ein junger Moderator vor seinem Mikrofon.
00:06:51: Meine Damen und Herren, liebe Zuhörer, Sie hören nun ein Versuchsprogramm von Radio Luxemburg in deutscher Sprache.
00:06:57: Wir senden ab heute täglich von vierzehn bis fünfzehn Uhr ein leichtes Musikprogramm auf zweihundert acht Meter Mittelwelle.
00:07:04: und jetzt ein heiterer Klassiker.
00:07:09: Weil in Deutschland die öffentlich-rechtlichen als einzige Radio machen dürfen, sendet das europäische Medienunternehmen Radio-Television Luxemburg seine erste Sendung in deutscher Sprache aus Luxemburg in die Bundesrepublik.
00:07:24: Bist du schon auf Sendung?
00:07:26: Die Kollegin, die morgen moderiert, kommt ins Studio.
00:07:29: Der Moderator blickt auf die große Uhr über der Studiotür.
00:07:33: Ja, so eben haben wir die erste Sendeminute in Deutschland hinter uns gebracht.
00:07:38: Sag mal, Kannst du mir ein paar Platten für morgen ausleihen?
00:07:42: Ich geh zum ersten Mal auf Sendung, habe aber nur drei Schallplatten aus meinem privaten Platten-Schrank.
00:07:48: Klar, guck mal da drüben im Regal.
00:07:56: Diese Elvis-Platte will ich morgen auf jeden Fall spielen.
00:08:01: Musik liegt in der Luft von Katharina Valente.
00:08:04: Den Titel hab ich schon überall gesucht.
00:08:07: Meinst du, uns hören schon Leute zu?
00:08:09: Das werden wir gleich wissen.
00:08:11: Wir probieren jetzt mal was ganz Neues aus.
00:08:14: Liebe Zuhörende, falls Sie Zugang zu einem Festnetz-Telefon haben, rufen Sie bei uns im Sender an.
00:08:20: Die Telefonistin leitet Ihre Nachricht an uns weiter.
00:08:26: Ein erster Anrufer.
00:08:30: Aufregend.
00:08:32: Soeben haben wir eine Hörerbotschaft aus Köln erhalten.
00:08:35: Der Herr am anderen Ende freut sich sehr, dass er uns im Rheinland erstaunlich klar empfängt und grüßt herzlich seine Ehefrau.
00:08:42: Und wenn er sich auch einen flotten amerikanischen Titel gewünscht hat, erfüllen wir diesen Wunsch natürlich gern.
00:08:51: Wir scheinen störungsfrei bei den Leuten anzukommen.
00:08:54: Auch da sind wir anders als die ARD.
00:08:56: Die rauschen über lange Strecken immer, aber deren Langweilis gequatsche wir eh niemand mehr hören.
00:09:01: Meinst du unsere lockerere Art kommt an?
00:09:03: Klar, wir sind anders, frisch und nah am Leben.
00:09:06: Die Menschen wollen lachen, tanzen und mit singen, weiter so.
00:09:11: Du bist gleich wieder auf Sendung.
00:09:14: Meine Damen und Herren, liebe Hörer, am Wochenende werden wir die erste Hitparade senden.
00:09:18: Das heißt, sie bestimmen ihre Favoriten.
00:09:21: Schicken Sie uns einfach eine Postkarte mit Ihrem Wunschtitel.
00:09:24: Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
00:09:29: Die lockere Art der Moderation und das neuartige Einbeziehen der Höhrenden wird zum Erfolg.
00:09:34: Dreißigtausend Postkarten und Briefe aus Deutschland erreichen die Hit-Paraden-Redaktion bald wöchentlich.
00:09:40: Radio Teleluchsenburg, aus dem später RTL werden wird, sendet aus dem Ausland auf den deutschen Markt.
00:09:47: Das Programm unterscheidet sich mit seiner leichten Unterhaltung stark vom behördlichen Sprech der Öffentlich-Rechtlichen.
00:09:53: Der kommerzielle Sender springt Ende der Fünfzigerjahre in eine Marktlücke.
00:09:57: Er wird deutschlandweit zum Trendsetter und erfreut sich in Windeseile großer Beliebtheit.
00:10:02: In den Sechziger und Siebzigerjahren etablieren sich in mehreren Ländern Europas langsam auch die ersten privaten Fernsehprogramme.
00:10:09: Nur in Deutschland hält die Politik hartnäckig am öffentlich-rechtlichen Fernsehmonopol fest, bis sich das oberste deutsche Gericht einmischt.
00:10:17: Er erklärt das Bundesverfassungsgericht in einem neuen Rundfunkurteil erstmals kommerzielle Fernsehprogramme für möglich.
00:10:26: Die Bedingungen sind gesetzt und ein aufstrebender Medienstrategie wartet nur auf seinen Moment, den deutschen Fernsehmarkt aufzumischen.
00:10:39: Ein dunkler Herbstabend.
00:10:42: Auf einem blockartigen Nachkriegshochhaus prangen in markantem Rot die Leuchtbuchstaben CDU.
00:10:48: Hier hat sich heute die Rundfunkkommission der Oppositionspartei getroffen.
00:10:53: Ihr Arbeitsschwerpunkt?
00:10:54: Die Gründung des privaten Rundfunks.
00:10:57: Zwei Männer haben sich nach dem Treffen zum Abendessen im Restaurant der Parteigeschäftsstelle verabredet.
00:11:04: Schmeckt's?
00:11:06: Helmut Thomas beugt sich mit leicht nach vorn gefallenen Schultern über sein Abendessen.
00:11:11: Die gebürtige Wiener leitet die deutsche Werbetochter von Radio Tele Luxemburg und berät nebenbei die Rundfunkommission der CDU zur Gründung eines privaten Rundfunks in Deutschland.
00:11:22: Thomas Kollege Nickt.
00:11:24: Sehr lecker, Helmut.
00:11:25: Hast du von meinen neuesten Verhandlungen gehört?
00:11:29: Natürlich.
00:11:30: So was spricht sich rum.
00:11:32: Du hast den Bundesverband deutscher Zeitungsverlage vorgeschlagen, sich an einem Übersatellit ausgestrahlten und aus Werbung finanzierten Fernsehprogramm für die Bundesrepublik zu beteiligen.
00:11:41: Richtig.
00:11:43: Und?
00:11:45: Haben Sie sich schon entschieden, wen Sie hinter sich haben wollen, wenn es in Deutschland endlich mit Privatfernsehen losgeht?
00:11:50: Ach, es sieht so aus, als ob Sie Leo Kirch zu geneigt sind.
00:11:54: Kirch?
00:11:54: Warum wenden die sich nicht an dich?
00:11:56: Nun die Verlage wollen vor allem Sicherheit.
00:11:59: Kirch ist ein einflussreicher Medienunternehmer mit einem riesigen Filmerchiff.
00:12:03: Das sind tausende Stunden Film- und Serienmaterial.
00:12:06: Das hat die neue Programmengesellschaft für Kabel und Satellitenfunk dann direkt zur Verfügung.
00:12:10: So haben die Verlage weniger Risiko.
00:12:13: Im Seichten kann man eben nicht ertrinken.
00:12:15: Also geht es mehr um Pragmatismus als um Vision.
00:12:19: Nun ja, der juristische Rahmen hat sich geändert.
00:12:21: Das Bundesverfassungsgericht hat das private Fernsehen zugelassen.
00:12:25: Alle wollen jetzt schnell handeln, bevor die wenigen Frequenzen vergeben sind.
00:12:29: Sobald die politische Grundlage geschaffen ist, wird es losgehen?
00:12:32: Ich denke, dass die Koalition aus SPD und FDP gerade an einem wackeligen Punkt steht.
00:12:38: Und das Interesse an dem privaten Fernsehen in Deutschland zum Wendepunkt wird.
00:12:44: Die FDP führt schon Gespräche mit der Opposition.
00:12:48: Und unter uns.
00:12:49: Frank Elstbar hat mir schon seinen Posten angeboten.
00:12:53: Der Programmdirektor von Radio Luxemburg?
00:12:55: Ganz genau.
00:12:57: Er will eine neue Fernsehshow entwickeln.
00:12:59: Sie soll wetten das heißen.
00:13:01: Deswegen wechselt er jetzt zum ZDF nach Mainz und ich soll sein Nachfolger für das deutschsprachige Programm bei Radio Luxemburg werden.
00:13:08: Mensch, Helmut, das verändert alles?
00:13:10: Ja.
00:13:11: Dann kann ich endlich unabhängiger arbeiten, mit eigenen Programmen.
00:13:15: Und wer weiß, vielleicht ist da auch ein neuer Fernsehsender möglich.
00:13:19: Wer einem trennt hinterherläuft, sieht schließlich nur seinen Hintern.
00:13:30: Helmut Thomas startet als Molkerei-Leerling, holte auf dem zweiten Bildungsweg seine Abitur nach und mauserte sich mit neunundzwanzig Jahren zum jüngsten Justizjahr in Europa.
00:13:40: In der Rechtsabteilung vom ORF dem österreichischen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.
00:13:45: Jetzt will er etwas Neues.
00:13:47: Sein Engagement in der CDU-Rundfunkkommission für ein Privatfernsehen in Deutschland soll Anfang der Achtzigerjahre endlich Früchte tragen.
00:13:55: Im September-Ninzehnundachzehnundachzig zerbricht die sozial-liberale Koalition aus SPD und FDP.
00:14:02: Helmut Kohl von der CDU wird zum neuen Bundeskanzler gewählt.
00:14:05: Beginnend mit seinem Amtsantritt am ersten Oktober-Ninzehnundachzehnundachzig werden in der Bundesrepublikabel verlegt.
00:14:12: Die Bundespost investiert mehrere Milliarden Mark in den Ausbau des Kabelnetzes, mit denen private TV-Sender zu den Zuschauenden gebracht werden sollen.
00:14:25: Die PKS, die Programmgesellschaft für Kabel und Satellitenfunk, entsteht durch einen Zusammenschluss mehrerer Zeitungsverlage, darunter auch der Axelspringer-Verlag.
00:14:34: Größter Anteilseigner ist der Medienunternehmer Leo Kirch.
00:14:38: Der private Fernsehsender PKS startet am ersten Januar, in Ludwigshafen, und ist zunächst ein Pilotprojekt.
00:14:46: Später wird daraus Sat.Eins.
00:14:49: Radio-Television Luxemburg hat mittlerweile sein deutschsprachiges Programm erfolgreich unter dem Namen RTL etabliert.
00:14:56: Als Direktor der deutschsprachigen RTL-Programme kann Helmut Thomas seine Vision eines kommerziellen Fernsehsenders weiter ausbauen.
00:15:03: Wie das Radioprogramm in deutscher Sprache soll auch der RTL-Fernsehsender aus Luxemburg nach Deutschland senden.
00:15:09: Um sich deutlich vom Radiosender abzugrenzen, bekommt der neue Privatsender den Zusatz plus.
00:15:16: RTL Plus darf einen Tag nach PKS in Deutschland auf Sendung gehen und Thomas weiß, Aufmerksamkeit ist alles im Kampf um Quoten und Wabeeinnahmen.
00:15:25: Klar ist also, der kleine Fernsehsender aus Luxemburg muss sich von Anfang an mit Einfallsreichtum gegen den deutschen Konkurrenten behaupten.
00:15:33: Dafür greift die RTL Plus-Redaktion zu jedem schöpferischen Mittel.
00:15:51: Winter, In der Redaktion vom neuen Fernsehsender RTL Plus.
00:15:58: Eine kleine Gruppe von Redakteurinnen und Redakteuren sitzt um einen großen, weißen Konferenztisch.
00:16:03: Konzentriert brüten sie über ein paar Dokumenten.
00:16:06: Das Team steht kurz vor der Premiere ihres neuen privaten Fernsehsenders und der Druck ist groß.
00:16:12: Guten Morgen.
00:16:14: Heimo Thoma stellt sich vor das Redaktionsteam.
00:16:17: Was habt ihr für unseren Sendestart?
00:16:19: Ein junger Redakteur am Woll-Pulli meldet sich zu Wort.
00:16:23: Wie wäre es, wenn wir mit einem freundlichen, modernen Magazin starten, das erklärt, wer wir sind und was wir vorhaben?
00:16:30: Ein klarer, professioneller Start der RTL Plus sofort als seriösen neuen Sender etabliert.
00:16:36: Die Redakteuren neben ihm verdreht die Augen.
00:16:38: So wie bei der ARD.
00:16:42: Ich habe mir sagen lassen, dass PKS genau so etwas Konventionelles plant.
00:16:47: Aber wir müssen auffallen.
00:16:49: und uns von der Konkurrenz und den öffentlich-rechtlichen abheben.
00:16:54: Wir können mit einer kleinen Live-Show starten.
00:16:57: Ein Moderator, ein paar Gäste, ein bisschen Musik.
00:17:00: Das zeigt, privates Fernsehen kann spontan, locker und unterhaltsam sein.
00:17:06: Ich glaube nicht, dass wir in unserem Mikrigen Studio eine ganze Live-Show auf die Beine stellen können.
00:17:10: Guter Punkt.
00:17:12: Aber das geht schon in die richtige Richtung.
00:17:14: Wir wollen die Menschen überraschen.
00:17:16: Sie sollen einschalten und sagen, das ist anders.
00:17:19: Das ist neu.
00:17:21: Wir könnten auch zeigen, wie es vor dem Start aussieht.
00:17:25: Kameras im Technikraum, letzte Schalten in die Redaktion, hektische Vorbereitung.
00:17:30: Interessant, ein Blick hinter die Kulissen.
00:17:32: Und am Ende drückt jemand offiziell auf den Startknopf und das Programm geht los.
00:17:38: Im Kampf um die Werbeeinnahmen ist auffallen alles.
00:17:45: Thomas geht nachdenklich um den Konferenztisch.
00:17:49: Wir haben keine fünfzigtausend Stunden Film- und Serienmaterial von Leo Kirch wie PKS.
00:17:55: Aber wir haben Geschwindigkeit, Kreativität und Mut.
00:18:00: Toma greift einen der Zettel vom Tisch.
00:18:03: RTL wird im Kreißsaal geboren.
00:18:07: Ach, das war nur so ein spielerischer Gedanke.
00:18:10: Wir haben überlegt, das als Metapher zu nehmen, ein Sender, der auf die Welt kommt.
00:18:14: Hm.
00:18:14: Wir müssen erfrischend anders sein und vielleicht auch mal erschreckend anders.
00:18:20: Hauptsache anders.
00:18:23: Wie würde das dann aussehen?
00:18:25: Wir filmen einen Clip in einem Kreißsaal und anstatt eines Kindes wird ein Bildschirm geboren.
00:18:30: Auf dem steht RTL Plus.
00:18:33: Ein provokativer, dramatischer und witziger Sketch zum Sende-Start.
00:18:37: Und der Slogan könnte sein RTL Plus, das erfrischend andere Programm.
00:18:42: Perfekt.
00:18:43: Das machen wir.
00:18:50: Am zweiten Januar, Ninzehundertvierundachtzig, um siebzehn Uhr zwanzig, läuft auf den deutschen Bildschirmen rund um Trier die erste RTL-Plus-Sende-Minute, in der buchstäblich RTL-Plus geboren wird.
00:19:02: Der Sender hat zu diesem Zeitpunkt eine Redaktion mit fünfundzwanzig Leuten, von denen nur vier Fernseherfahrungen haben.
00:19:08: Der Rest kommt vom Hörfunk.
00:19:10: Alles wirkt noch improvisiert und unprofessionell.
00:19:14: Helmut Thomas gelingt es Bertelsmann, als Investor zu gewinnen.
00:19:18: Das deutsche Medienunternehmen hält vierzig Prozent am neuen Privatsender und wird zu einem wichtigen Partner der Luxemburger.
00:19:25: Doch noch erreicht die RTL-Plus-Frequenz gerade mal hundertdreißig Kilometer nach Deutschland rein und die erste Sendung hat weniger als tausend Zuschauernde.
00:19:33: Helmut Thomas weiß, dass sich der Sender nun beweisen muss.
00:19:36: Seine Devise, erfolgreich ist, was gefällt.
00:19:46: Januar, Ninzehundertvierundachtzig im Saarland.
00:19:49: Im Wohnzimmer einer Familie, die gerade zu Abend gegessen hat.
00:19:52: Während der Vater in der Küche noch das Geschirr abtrocknet, machen es sich Mutter und Tochter schon mal auf dem Sofa bequem.
00:20:00: Danke für das leckere Essen, Mama.
00:20:03: Sehr gerne.
00:20:04: Wollen wir mal ins Fernsehprogramm reingucken?
00:20:08: Ich hab gehört, es gibt einen neuen Sender.
00:20:10: RTL Plus, der sendet aus Luxemburg.
00:20:14: Wie komm ich denn zu diesem neuen Sender?
00:20:16: Das hab ich doch heute Morgen noch gelesen.
00:20:19: Moment.
00:20:21: Hier, Kanal sieben.
00:20:26: Was guckt ihr denn da?
00:20:27: Schneesturm?
00:20:30: Mensch, Papa, wir suchen das neue Programm aus Luxemburg.
00:20:34: Das ist doch nur Larifari.
00:20:35: Ich möchte wissen, was hier im Saarland passiert.
00:20:38: Ach, lass uns doch mal reingucken, wenn die Jugend das will.
00:20:41: Vielleicht ist ja was Interessantes dabei.
00:20:45: Jetzt also sieben vor sieben in unserem ... Ihrem Programm.
00:20:50: Auf dem Bildschirm läuft eine animierte Grafik.
00:20:53: Vor einem blau schimmernden Neonraster erscheinen große, rot leuchtende digitale Ziffern.
00:20:59: Die Zahlen wechseln nacheinander durch, wie bei einem elektronischen Countdown.
00:21:03: Sieh
00:21:03: mal, die Zahlen verändern sich.
00:21:05: Das sieht ja richtig High-Tech aus.
00:21:08: Wie im Computer.
00:21:09: Hi.
00:21:10: Was?
00:21:11: Also, ich weiß nicht.
00:21:13: Da flimmert ja alles.
00:21:15: Da kriegt man ja Kopfschmerzen.
00:21:17: Ah, jetzt stoppt es.
00:21:19: Hm.
00:21:20: Sieben vor sieben, RTL Plus.
00:21:22: So etwas habe ich noch nie im Fernsehen gesehen.
00:21:25: Genau deswegen fetzt es.
00:21:27: Einen wunderschönen guten Abend zu Hause.
00:21:30: Unsere Schlagzeilen telefonieren teurer.
00:21:33: Gas aus Sibirien, Alexis Korner, tot.
00:21:36: Sie blenden sogar die Schlagzeilen digital
00:21:38: ein.
00:21:39: Heute mit mir im Studio Björn Schimpf.
00:21:42: Auf dem Bildschirm wendet sich der Nachrichtensprecher seinem Kollegen zu.
00:21:46: Halt mal, was sehe ich denn da?
00:21:48: Du hast einen Schlips an, das gibts doch gar nicht.
00:21:50: Das erste Mal in meinem Leben, dass ich Björn mit einem Schlips sehe.
00:21:59: Und glaublich, was die da zeigen.
00:22:01: Das soll so etwas ernst nehmen.
00:22:07: Das ist ungewöhnlich.
00:22:10: Ziehen die sich jetzt etwa aus?
00:22:12: Das ist mein Fernsehsender, der wirklich anders ist.
00:22:15: Schalt mal lieber aus.
00:22:21: Das erste Erfolgsrezept von RTL Plus, SexSales.
00:22:25: den abendfühlen Soft-Pornostreifen aus den Siebzigerjahren.
00:22:28: Filme wie Liebesgrüße aus der Lederhosen werden in der Tagespresse groß skandalisiert.
00:22:35: Damit unterscheidet sich RTL nicht nur immens von ARD und ZDF, sondern auch von seinem direkten Konkurrentensatz I, former als PKS.
00:22:43: Denn der fährt ein klassischeres und familienfreundlicheres Programm.
00:22:56: Die Geburtsstunde des dualen Rundfunksystems in Deutschland.
00:23:00: Der öffentlich-rechtlich Rundfunk bleibt für die Mediengrundversorgung in der BRD verantwortlich, aber das Gesetz fördert auch eine schrittweise Entwicklung zu mehr privaten Anbietern und Angeboten.
00:23:11: Solange bestimmte Kriterien wie Vielfalt, Ausgewogenheit und die Verhinderung von Meinungsmachtkonzentration erfüllt werden.
00:23:18: Das Urteil bestärkt die Privatsender in ihrer Entwicklung.
00:23:22: RTL Plus baut mit einem neuen Satelliten Ende der Achtzigerjahre seine Reichweite auf rund µm Haushalte aus.
00:23:30: Als erster Sender in Deutschland führt RTL Plus eine neue Sendezeit nach US-amerikanischem Vorbild ein.
00:23:36: Das Frühstücksfernsehen, Guten Morgen Deutschland, später bekannt als das RTL-Morgen-Magazin.
00:23:42: Doch um als deutsches Unternehmen dauerhaft zu bestehen, muss RTL Plus mehr Sendeplätze beantragen und das geht nur in Deutschland.
00:23:49: Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year, Ende of the year Spaziert der zweiundsechzigjährige Medienunternehmer Leo Kirch durch den herbstlichen Park.
00:24:30: Er ist ein eleganter, aber unauffälliger Geschäftsmann, der strategisch hinter den Kulissen agiert.
00:24:37: Der Nebel hängt tief heute, Thomas.
00:24:39: Man sieht kaum, wo er in der Weg führt.
00:24:41: Ja, Vater, O-Bacht, wo du hintrittst.
00:24:43: Neben ihm geht sein Sohn Thomas Kirch.
00:24:46: Ein Mann in seinem frühen Dreißigern, der gerade sein Studium der Informatik und Wirtschaftswissenschaften in Boston abgeschlossen hat.
00:24:53: Und nebenbei Glückwunsch, Vater.
00:24:55: Mit der neuen über fünfzig Prozent Beteiligung der Kirchgruppe hast du es offiziell geschafft, die Mehrheit bei Sat.Eins zu übernehmen.
00:25:02: Danke, mein Sohn.
00:25:04: Aber die Kirchgruppe soll noch weitere Chancen bekommen.
00:25:06: Es gibt andere Sender, die wir uns anschauen sollten.
00:25:10: Du meinst, die Kirchgruppe soll weiterwachsen?
00:25:12: Genau.
00:25:13: Wer den Markt beherrschen will, darf schließlich nicht stehen bleiben.
00:25:17: Ich habe gestern mit Ackermann telefoniert.
00:25:19: Sein Konzept für eure KTV geht nicht auf.
00:25:22: Der Sender wollte Tele-Shopping mit Informationen verbinden, aber die Mischung kommt nicht an.
00:25:27: Zuschauermangel?
00:25:28: Richtig, und Ackermann sucht jetzt Mitgesellschafter.
00:25:31: Das könnte eine große Chance für uns sein.
00:25:34: Seit eins haben wir, aber die Frequenz von Eurekast interessant.
00:25:38: Ein neues Publikum, neue Möglichkeiten.
00:25:41: Ich verstehe deine Idee, Vater, aber du kannst offiziell nicht noch einen Sender übernehmen.
00:25:46: Das lässt die Gesetzgebung nicht zu.
00:25:48: Genau.
00:25:49: Die Medienkonzentrationsregelung sagt eindeutig, ein Unternehmer darf bei Vollprogrammsendern nicht mehrfach dominierend sein.
00:25:59: Ich selbst darf also nicht zu viel Kontrolle über weitere Sender in Deutschland haben.
00:26:04: Aber was, wenn nicht ich es bin?
00:26:07: Was meinst du?
00:26:08: Was, wenn nicht ich, sondern du, offiziell als Anteilseigner, firmierst?
00:26:13: So könnten wir die Einschränkungen umgehen und trotzdem einen neuen Sender aufbauen.
00:26:18: Und bekommen die Frequenz von EurekTV.
00:26:21: Exakt.
00:26:22: Die Quoten sind niedrig und die Kosten überschaubar.
00:26:25: Mit einem neuen Konzept können wir den Sender neu starten, ohne dass ich meine Position bei seit eins gefährde.
00:26:31: Soll ich Ackermann treffen und über eine Beteiligung verhandeln?
00:26:34: Ja, Verträge, Konditionen, Beteiligungsumme, Prüfe das alles genau.
00:26:39: Ackermann kennt den Markt gut, aber wir haben Kapital und Erfahrung.
00:26:43: Du entscheidest, wie Beteiligung aussehen soll.
00:26:46: Abgemacht.
00:26:47: Gut.
00:26:48: Und vergesst nicht, wer zuerst reagiert, hat die besten Chancen.
00:26:58: Am thirteenthen Oktober, und er wirbt Thomas Kirch, nur einen Monat später wird aus dem Sender pro sieben.
00:27:07: Mit seinen Anteilen an Satz eins und den familiären Anteilen an pro sieben, hat Leo Kirch sich die Grundlage für ein riesiges Medienimperium geschaffen.
00:27:17: Der RTL-Konkurrent droht die private Fernsehmacht in Deutschland an sich zu reißen.
00:27:22: Doch Helmut Thomas und sein RTL-Plus-Team haben noch zwei Asse im Ärmel.
00:27:27: Es steht ein Sommer bevor, den die Deutschen in vielerlei Hinsicht nie vergessen werden.
00:27:32: Ausgerechnet ein Sport-Event soll alles verändern.
00:27:50: Juli, neunzehnundachtzig bei Köln.
00:27:53: RTL-Plus-Geschäftsführer Helmut Thomas sitzt zu Hause in seinem Wohnzimmer.
00:27:57: Er schaut gebannt auf den Fernsehbildschirm.
00:28:00: Es läuft RTL-Plus.
00:28:03: Im Wimbledon-Finale stehen heute zwei Star-Matches an.
00:28:07: Boris Becker gegen Stefan Edberg bei den Männern und Steffi Graf gegen Martina Navratilova bei den Frauen.
00:28:13: Das Spiel der Frauen ist schon in vollem Gange.
00:28:17: Aufschlag Graf.
00:28:18: Navratilova kommt kaum hinterher.
00:28:20: Was für eine Beinarbeit.
00:28:22: Graf ist sofort zur Stelle.
00:28:23: Sie liest das Spiel wie ein offenes Buch.
00:28:26: Und wir sind live, exklusiv, direkt in Millionen Wohnzimmern.
00:28:31: RTL Plus hat das letzte Jahr mit einem gewagten Kuh beendet und sich für fünf Millionen Mark pro Match die Übertragungsrechte für Wimbledon gesichert.
00:28:39: Heute wären das etwa fünf Komma drei Millionen Euro.
00:28:42: Es ist das erste Mal, dass das prästisch rechtlichste Tennis Turnier nicht exklusiv von der ARD ausgestrahlt wird.
00:28:50: Ein strategischer Trium für den privaten Sender, der sich jetzt auszuzahlen scheint.
00:28:56: Wow, was für ein Schlag.
00:28:59: Breakball für Graf.
00:29:01: Ein einzelner Punkt kann hier das ganze Match käppen.
00:29:04: Sie nimmt sich Zeit, atmet durch, jetzt wird's ernst.
00:29:08: Die Nerven behalten ist jetzt entscheidend.
00:29:12: Der letzte Ballwechsel.
00:29:13: Navratilova verzieht und Steffi Graf gewinnt Wimbledon, neunzehnhundertneunundachtzig.
00:29:20: Das ist es, ja, gewonnen!
00:29:23: Das ist für einen Moment.
00:29:24: Helmut Thomas springt von seinem Sessel auf.
00:29:34: Ja?
00:29:35: Am Telefon ist der Programmdirektor von RTL Plus.
00:29:40: Helmut, hast du das gesehen?
00:29:41: Ja, es ist unglaublich.
00:29:44: Wie sind die Zahlen?
00:29:46: Sieben, zwei Millionen Zuschauer.
00:29:48: Sieben, zwei Millionen?
00:29:50: Das ist Rekord!
00:29:53: Wir haben einen Quoten-Rekord im deutschen Privatfernsehen aufgestellt.
00:29:58: Und wir verdienen sechsohn dreißigtausend Mark für dreißig Sekunden Werbung.
00:30:03: Und das zweite Spiel steht noch aus.
00:30:05: Becker gegen Etberg.
00:30:07: Daumen drücken.
00:30:08: Ich glaub, das wird gut.
00:30:15: Nach Steffi Graf gewinnt im zweiten großen Wimbledon-Match, auch Boris Becker.
00:30:22: Jede Minute Tennis, jede Ballwechsel-Aktion auf dem Bildschirm bringt den Kölner Privatsender RTL-Plus-Werbeeinnahmen in Millionenhöhe.
00:30:31: RTL Plus ist auf einem aufsteigenden Kurs und hat mit dem Kauf der Übertragungsrechte die ARD ausgespielt.
00:30:37: Mit der wimmelten Übertragung stellt der Sender einen absoluten Quotenrekord für einen Privatfernsehunternehmen auf.
00:30:44: Helmut Thomas wird als Medienmann des Jahres ausgezeichnet und zum König des deutschen Privatfernsehens erkoren.
00:30:51: Anteile an dem Unternehmen hat da keine.
00:30:54: Während sich RTL Plus von der Deutschen Wiedervereinigung eine neue Reichweite erhofft, plant RTL Plus-Chef Thomas auch schon die nächste Sensation, die den Sender in ganz Deutschland in die Schlagzeilen bringen soll.
00:31:13: In Norditalien.
00:31:15: Ein RTL-Team steht an einem abgenutzten Set der italienischen Erotikshow Colpo Grosso.
00:31:21: RTL Plus will die italienische Spielshow unter dem Namen Tutti Frutti für das deutsche Fernsehen adaptieren.
00:31:28: Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, dreht das Team in der bereits vorhandenen Kulisse.
00:31:33: Wie am Fließband produzieren sie in wenigen Wochen eine ganze Staffel.
00:31:38: Und Action!
00:31:41: Ein junger Hugo Egon Balder betritt als Tutti Frutti-Moderator in einem pinken Anzug das Set.
00:31:47: Er wirkt ein wenig verloren.
00:31:49: Die Treppen, die rechts und links neben ihm eine Bühne-Netage tiefer führen, wirken wackelig.
00:31:54: Aber Balder behält Haltung.
00:31:56: Meine Damen und Herren, guten Abend.
00:31:58: Applaus, Maschine!
00:32:01: Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu Tutti Frutti.
00:32:04: Heute mal wieder in einer ganz neuen Ausgabe.
00:32:08: Sieben junge Frauen kommen fröhlich auf das Set getanzt.
00:32:11: Jede in einem anderen bunten und sehr knappen Fruchtkostüm.
00:32:16: Sie wirbeln auf dem glänzenden Studioboden, schmeißen Luftküsse in die Kamera, wackeln mit den Hüften und formieren sich dann zu einer lockeren Reihe.
00:32:28: Was ist jetzt?
00:32:29: Der Regisseur kommt eilig auf das Set.
00:32:31: Die Früchtchen kommen erst später.
00:32:34: Wenn Hugo die Treppe runtergelaufen ist, kommt ihr unten auf Zett getanzt.
00:32:38: Du im Kivikostüm zuerst und dann die orange, Banane, Kirsche, Zitrone und so weiter.
00:32:48: Also ich begrüße erst oben die Zuschauer und gehe dann die Treppe runter, richtig?
00:32:53: Genau, dann kommt das Chin Chin Ballett, tanzen, tanzen, pose pose, dann sagst du alle Früchte sind wieder da und sie öffnen ihre Blusen.
00:33:01: Und dann sieht man alles?
00:33:03: Ja, blusen auf, staun, staun, du kannst ruhig hingucken, kommentieren.
00:33:06: Oh, zum Beispiel oder so.
00:33:08: Okay, und dann kommen die Spielkandidaten und der Kandidat die Treppe runter?
00:33:11: Nee, die kommen durch die Tür da vorne, die Gleite zur Seite und dann zu dir.
00:33:15: Dann interviewst du sie kurz, was arbeiten sie etc.
00:33:18: und dann geht das Spiel los.
00:33:20: Und die Spielregeln?
00:33:22: Ruf ich dir zwischendurch zu.
00:33:23: Okay, weiter geht's.
00:33:25: Das wird schon Hugo.
00:33:25: Bleib einfach locker.
00:33:26: Wir haben noch genug Folgen vor uns.
00:33:29: Okay, nächster Tag.
00:33:33: Das Team wuselt hektisch zurück auf seine Plätze.
00:33:36: Kamerafrau, Tonleute, Beleuchter, Maske.
00:33:39: Alles wirkt improvisiert.
00:33:41: Abgeblätterte Farben, ein paar lose Kabel, billige Requisiten.
00:33:45: Genau so hat sich das die RTL Plus-Programm-Direktion unter Tomer in Köln vorgestellt.
00:33:50: Minimaler Aufwand, maximale Wirkung.
00:33:53: Alles auf Anfang!
00:33:54: Ton, Kamera und Action!
00:34:00: Meine Damen und Herren, guten Abend.
00:34:02: Ich begrüße Sie alle ganz herzlich.
00:34:03: zu Tutti Frutti.
00:34:06: Zwei Kandidaten haben wir heute.
00:34:07: Sie heißt Elianor, kommt aus München.
00:34:10: Er heißt Rudolf und kommt auch aus München.
00:34:12: Sie werden die beiden kennenlernen, denn die kommen jetzt aus dieser Tür.
00:34:18: Die kommen jetzt raus aus dieser Tür.
00:34:22: Was ist denn nun schon wieder?
00:34:25: Die Schiebetür klemmt.
00:34:26: So kann man doch nicht arbeiten.
00:34:29: Hier funktioniert aber auch nichts auf Anhieb.
00:34:31: Pause, Leute!
00:34:33: Fünf Minuten!
00:34:39: Im Januar-Mann feiert Tutti Frutti seine Premiere.
00:34:43: Zum Sendestart schauen vier Millionen Zuschauer den leicht bekleideten Frauen zu und auch danach pendelt sich die Quote bei brauchbaren zwei Millionen ein.
00:34:52: Die Stripshow wird zur Goldgrube für den Sender.
00:34:55: Und zum Skandal.
00:34:57: RTL Plus gilt als der Kulturverlust schlechthin.
00:35:00: Die Politik schaltet sich ein und die öffentlich-rechtlichen ziehen über den Sender her.
00:35:05: Das Föhe-Ton proklamiert den Untergang des Abendlandes.
00:35:08: Um den Skandal zu pushen, nutzt RTL Plus provokante Schlagzeilen in der Bildseitung.
00:35:13: Aber die provokative Strategie von Helmut Thomas hat auch Schattenseiten.
00:35:17: Der Bartelsmann-Verlag will mehr Kontrolle über den Kölner Sender.
00:35:21: Das RTL-Trash-Image passt dem traditionellen Verlagshaus nicht.
00:35:24: In der Öffentlichkeit wird das RTL-Senderkürzel längst mit Rammeln, Töten, Lallen ausbuchstabiert.
00:35:32: Sat.
00:35:32: eins positioniert sich dagegen als bürgerlich-familiärer Sender und macht RTL Plus mit der Spielshow Glücksrad im Vorabendprogramm Konkurrenz.
00:35:41: Wird Helmut Thomas' Skandalstrategie aufgehen?
00:35:44: Oder reist er das Unternehmen kurz nach seinem großen Aufstieg direkt in den Abgrund?
00:35:54: Das war Folge eins von vier von Imperium.
00:35:57: Die RTL-Story von Studio J. Wenn du mehr über die Anfänge von RTL erfahren willst, empfehlen wir dir den NDR-Talk zur Zulassung des Privatfernsehens in Norddeutschland von neunzehnundundsechsundachtzig.
00:36:11: Das Video verlinken wir dir in den Show-Loads.
00:36:14: Ein Hinweis zu den Dialogen, wie du gehört hast.
00:36:17: Wir wissen natürlich nicht genau, was gesprochen wurde.
00:36:19: Alle Dialoge basieren nach bestem Wissen auf unseren Recherchen.
00:36:23: Ich bin Marc Benpoch.
00:36:25: Und ich bin Aline Staskowiak.
00:36:27: Marie Hecht hat die Folge geschrieben.
00:36:31: Producer Alex Hemsen.
00:36:33: Producerin Philippa Halder.
00:36:36: Executive Producer Janis Gebhardt.
00:36:39: Das Sounddesign hat Axinia Dorn gemacht.
00:36:42: Gemischt von Fabian Klinke.
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