Die RTL Story | Mister RTL | 2
Shownotes
Folge 2/4: RTL ist auf den deutschen Bildschirmen angekommen. Skandale und Sportevents haben dem jungen Privatsender Aufmerksamkeit gebracht. Doch RTL-Chef Helmut Thoma erkennt, dass Provokation allein nicht mehr reicht. Mit einer neuen Marketing- und Programmlogik formt er RTL zum erfolgreichsten privaten Fernsehsender Europas. Doch hinter den Kulissen beginnt ein Machtkampf: Der Bertelsmann-Verlag will seinen Einfluss auf den Sender ausbauen. Thoma steht vor der entscheidenden Frage: Kann er RTL neu erfinden, ohne die Kontrolle zu verlieren?
Kontakt: imperium@studio-jot.de Folge IMPERIUM: https://www.instagram.com/imperium.podcast/
Transkript anzeigen
00:00:01: Jörg.
00:00:34: Sie blinzelt überrascht.
00:00:43: Was ist denn das?
00:00:46: Ich bin eingeschlafen.
00:00:48: Das sehe ich.
00:00:50: Was läuft denn da noch im Fernsehen?
00:00:53: Wieso?
00:00:54: Wie spät ist es denn?
00:00:56: Schon Mitternacht.
00:00:58: Die Spätnachrichten sind schon lange vorbei.
00:01:01: Eigentlich müsste doch Sendeschluss sein.
00:01:04: Aber da läuft eine ganze Show.
00:01:07: Sie lässt sich erschöpft neben ihren Mann auf das Sofa fallen.
00:01:15: Das ist ja der Gutschalk.
00:01:17: Hat er nicht Wetten das im ZDF moderiert?
00:01:20: Meine Kollegin meinte schon, dass er nun zu den Privaten gewechselt ist.
00:01:24: Aber dass seine Sendung so spät
00:01:26: läuft.
00:01:28: Ist das ein Model-Wettbewerb?
00:01:31: Anscheinend.
00:01:33: Beide blicken gespannt auf den Bildschirm.
00:01:38: Du wolltest doch eigentlich gleich ins Bett?
00:01:40: Ja,
00:01:42: eigentlich.
00:01:43: Ach, ja gut, herkommen.
00:01:46: Nur ein paar Minuten.
00:01:48: Nur ein paar.
00:01:54: Während die beiden auf dem Sofa in einen tiefen Schlaf gleiten, läuft auf dem Bild schon weiter das RTL-Plus-Programm.
00:02:01: Nach Gottschalk Late Night direkt im Anschluss die RTL-Nachtshow.
00:02:05: Dann folgt eine Serienwiederholung auf die nächste.
00:02:09: Das Fernsehbild flackert, der Himmel vom Fenster färbt sich langsam rosa.
00:02:15: Oh, nein.
00:02:16: Was?
00:02:17: Wie spät ist es?
00:02:18: Schon sechs Uhr.
00:02:20: Herr Gott, du musst zur
00:02:21: Arbeit.
00:02:22: Verdammt.
00:02:24: Lief denn die ganze Nacht RTL Plus?
00:02:59: Aber nur, wenn die Werbekunden mitmachen.
00:03:02: Und um die zu überzeugen, setzt der Kölner Skandalsender auf eine unübliche Strategie.
00:03:23: Ich bin Mark Benpoch und das ist Imperium, die RTL-Story von Studio J. In der letzten Folge hat der junge Privatsender RTL Plus seine ersten Erfolge verbucht.
00:03:47: Angetrieben von Geschäftsführer Helmut Thomas, der mit Leidenschaft und Weitsicht eine klare Vision verfolgt, Privates Fernsehen als mutiger Gegenentwurf zu den steifen Öffentlich-Rechtlichen.
00:03:58: Thomas' kompromisslose Horuch-Strategie polarisiert.
00:04:02: RTLs konservativer Anteilseigner Bertelsmann wird unruhig und im Hintergrund plant Sat.
00:04:08: I Chef Leo Kirch eine der größten Fusionen der europäischen Mediengeschichte.
00:04:13: In dieser Folge erfindet Helmut Thomas den rammeln, töten Lallensender neu und ruft ein neues Marketinginstrument ins Leben.
00:04:21: RTL Plus wächst mit seiner frischen Marke zum dominanten Wettbewerber, den die öffentlich-rechtlichen und die private Konkurrenz im Nacken sitzen.
00:04:30: Der Kölner Sender gerät in einen Machtkampf, der die gesamte Industrie verändern wird.
00:04:35: Das ist Folge zwei von vier.
00:04:38: Mr.
00:04:38: RTL.
00:04:48: In Besprechungsraum der Marketingabteilung von RTL Plus.
00:04:53: An einer Wand hängt ein ausgeglichenes Tutti-Frutti-Plakat, An der anderen ein Werbebanner der Formel eins.
00:05:00: Ist der Soap-Trailer schon fertig?
00:05:02: Wir arbeiten noch dran.
00:05:04: Es müssen noch ein paar Feinheiten gemacht werden, dann kann der Trailer rausgehen.
00:05:07: Denken Sie bitte daran, dass der Trailer bis Freitag fertig sein muss.
00:05:11: Wie sieht es mit dem aktuellen Werbespot aus?
00:05:14: Die Sponsoren wollen die Grafik noch einmal überarbeitet sehen.
00:05:18: Schicken Sie sie mir vorher noch mal zur Abnahme.
00:05:21: Geschäftsführer Helmut Thomas und sein RTL Plus-Marketing-Team sitzen um einen langen Tisch herum.
00:05:28: Die Marketingleiterin stellt sich vor ein Flipchart.
00:05:32: Bevor wir zu unserem aktuellen Problem mit den Werbekunden kommen, möchten wir Ihnen den neuen Logoentwurf präsentieren, Herr Thoma.
00:05:40: Ich hoffe, dass wir uns damit von den öffentlich-rechtlichen abgrenzen können.
00:05:43: Ich bin gespannt.
00:05:46: Wir orientieren uns an den großen Marken aus den USA.
00:05:49: CBS, ABC.
00:05:52: Die haben kein Beiwerk, sondern ein simples, klares Logo.
00:05:56: Sehr gut.
00:05:57: Genau das ist das Kaliber an Sender, das wir werden wollen.
00:06:00: Wir trennen uns also von dem Plus.
00:06:02: Das ist unser Vorschlag.
00:06:03: Wir müssen uns heute nicht mehr so deutlich vom Radiosender in Luxemburg abgrenzen.
00:06:08: Unsere Marke steht für sich.
00:06:12: Auf dem Präsentationsblatt sieht man die drei großen Buchstaben RTL.
00:06:17: Jeder in seinem eigenen Farbkästchen.
00:06:19: Rot, gelb und blau.
00:06:22: RTL.
00:06:24: Das ist stark.
00:06:25: Ohne Plus, ohne Schnickschnack.
00:06:28: So nennen uns die Leute sowieso schon.
00:06:29: Das knallt!
00:06:31: Unsere Marke steht.
00:06:33: Also gut, dann kommen wir bitte jetzt zu dem akuten Problem.
00:06:38: Die Werbekunden kaufen uns unsere Werbezeit nicht mehr ab.
00:06:41: Ja, Sie sagen, dass die ältere Zielgruppe kaum noch auf neue Produkte reagiert und im Kaufverhalten festgefahren ist.
00:06:48: Sie meinen, dass sich die Kosten für die Werbung nicht mehr lohnen.
00:06:53: RTL-Geschäftsführer Thomas blickt nachdenklich auf den Tisch.
00:06:56: Hm.
00:06:57: Die öffentlich-rechtlichen bedienen genau diese ältere Zielgruppe.
00:07:02: Genau deshalb müssen wir anders denken und auch die Werbung anders ausrichten.
00:07:08: Unser Programm ist für die, die neugierig auf Neues sind.
00:07:13: Sie meinen junge Erwachsene, die mobil, markenoffen und entscheidungsfreudig sind.
00:07:18: Genau.
00:07:19: Beim US-Sender ABC funktioniert das seit Jahren.
00:07:22: Du definierst dein Publikum, dann definierst du dein Programm.
00:07:26: Den Werbekunden machen wir klar, dass wir eine ganz besonders relevante Zielgruppe ansprechen.
00:07:32: Sagen wir, zum Beispiel die vierzehn bis neunvierzigjährigen, die haben Kaufkraft.
00:07:36: So positionieren wir uns am Markt neu.
00:07:39: Hm, das könnte funktionieren.
00:07:42: Das wird funktionieren.
00:07:43: Wir müssen nur unsere Werbekunden davon überzeugen.
00:07:46: RTL als bevorzugter Kanal für die junge Zielgruppe.
00:07:50: Das kriege ich verkauft.
00:07:52: Und dann können wir auch höhere Preise für die Werbespots verlangen.
00:07:55: So wird die Marke rund.
00:07:57: Und RTL ganz schnell die Nummer eins auf dem Markt.
00:08:01: Die öffentlich-rechtlichen können sich warm anziehen.
00:08:08: Anfang der neunziger Jahre trifft RTL-Geschäftsführer Helmut Thomas eine grundlegende Entscheidung.
00:08:14: Der Sender will nicht länger einfach nur möglichst viele Menschen erreichen, sondern die kaufkräftigsten.
00:08:19: Diese Entscheidung wird zum neuen Leitprinzip von RTL.
00:08:23: Eine Idee, die nicht nur den Sender, sondern das deutsche Fernsehen insgesamt prägen wird.
00:08:29: Mit dem neuen Kurs kommt ein neues Image.
00:08:32: RTL gibt sich einen neuen Namen, samt neuem Logo und neuer Marketingstrategie.
00:08:37: Vor allem aber verändert Helmut Thomas das Programm.
00:08:40: Die alten umstrittenen Erotikfilme verschwinden und machen Platz für eigene, täglich wiederkehrende Formate.
00:08:47: Deine Formate startet mit Hans Meiser, die erste Talkshow ihrer Art im deutschen Fernsehen.
00:08:54: Kurz darauf folgt mit gute Zeiten, schlechte Zeiten die erste Daily Soap.
00:08:59: Auch im Sport geht RTL ein Risiko ein.
00:09:02: Der Sender sichert sich früh die Übertragungsrechte an der Formel I, in welcher ein talentierter deutscher Fahrer kurz vor seinem Durchbruch steht.
00:09:10: Sein Name?
00:09:11: Michael Schumacher.
00:09:13: Thomas' neue Strategie geht auf.
00:09:16: RTL erzielt bald Werbeeinnahmen in eine Höhe von über einer Milliarde Mark, heute rund neunhundertsechzig Millionen Euro.
00:09:23: Damit macht RTL Anfang der Neunzigerjahre als Erster und zu dem Zeitpunkt einziger deutscher Privatsender gewinn.
00:09:29: nineteenhundertzweiundneunzig wird RTL dann zum ersten Mal Marktführer in der neuen werberelevanten Zielgruppe der vierzen bis neunundvierzigjährigen.
00:09:39: Doch während der Erfolg wächst, formiert sich im Hintergrund Widerstand gegen Thomas' neuen Kurs.
00:09:52: Oktober nineteenhundertzweiundneunzig in der RTL-Sendezentrale in Köln.
00:09:57: Regen prasselt auf eine weiße Satellitenschüssel, auf der Groß das blau-gelb-rote RTL-Loro prangt.
00:10:06: Herr Thoma, der Bertelsmann-Vorstand ist
00:10:09: da.
00:10:10: Ein Mann im Anzug mit blondem Schnauzer betritt Thomas Büro.
00:10:15: Herr Lahnstein, was verschafft mir denn die Ehre?
00:10:19: Manfred Lahnstein war unter anderem Finanzminister im Kabinett von Helmut Schmidt.
00:10:24: Nun ist er im Bertelsmann-Vorstand verantwortlich für den Bereich elektronische Medien und RTL.
00:10:30: Guten Tag, Herr Thoma.
00:10:32: Setzen Sie sich doch.
00:10:34: Thomas führt den Bertelsmann-Vorstand zu einer Sitzecke.
00:10:40: Was führt Sie zu mir?
00:10:42: Herr Thomas, wir brauchen endlich ein Programm, was einem seriösen Fernsehsender würdig ist.
00:10:48: Ich bitte Sie, Herr Lahnstein.
00:10:50: Den Zuschauern gefällt, was wir senden.
00:10:52: RTL ist in der Zielgruppe der XIV- bis XIX-Jährigen schon jetzt der erfolgreichste kommerzielle Sender in Deutschland.
00:10:59: Der Erfolg zeigt, dass wir alles richtig machen.
00:11:02: Talkshows.
00:11:04: Daily Shows, Sport.
00:11:06: Nur weil die jungen Zuschauer ein Programm wie in den USA gucken wollen, können wir doch nicht nur Unterhaltungsinhalte senden, Herr Thoma.
00:11:14: Der Zuschauer darf sich seine Regierung wählen.
00:11:16: Warum nicht auch sein Fernsehprogramm?
00:11:19: Wir können unsere Zielgruppe aber nicht nur auf eine Altersgruppe zuschneiden.
00:11:23: Aber für gute Werbeangebote ist genau das essentiell.
00:11:27: Sehen Sie, das ist das Missverständnis in vielen öffentlich-rechtlichen Anstalten.
00:11:31: Sie glauben, ihr eigener Geschmack müsse auch dem der Masse entsprechen.
00:11:35: Die Coquidenz-Sender hatten jetzt vierzig Jahre Zeit, die Leute zu diesem höheren Geschmack zu erziehen, aber geholfen hat es nix.
00:11:42: Also sie müssten doch wenigstens etwas Kultur in das Programm bringen wollen.
00:11:46: Wie wäre es mit populären Klassekonzerten am Samstagabend?
00:11:50: Endlich verdient der Sender Geld, nach fast zehn Jahren, die wir ihn aufgebaut haben.
00:11:54: Und das alles, weil wir nicht aus der Perspektive von Intendanten und Gremien denken, sondern ein Programm machen, was anders ist.
00:12:02: Anders heißt bei ihnen vor allem eins, Nivolus.
00:12:04: Und wenn ich sie daran erinnern darf, der Sender gehört nicht ihnen.
00:12:09: Die Anteilseigner können sich jeden Moment überlegen, ob ihre Führung noch die richtige ist.
00:12:16: Soll das etwa eine Drohung sein?
00:12:19: Das entscheiden sie.
00:12:22: Schönen Tag noch, Herr Thoma.
00:12:29: Lahnstein schlägt vor, den RTL-Geschäftsführer abzusetzen.
00:12:33: Doch Bertelsmann fehlt die Mehrheit im eigener Kreis.
00:12:36: Die Entscheidung fällt klar aus.
00:12:39: Helmut Thoma bleibt und mit ihm ein RTL, das mutiger ist als alles, was das deutsche Fernsehen bisher kannte.
00:12:46: Aber Thoma gerät ins Wanken.
00:12:48: Noch hat er die Kontrolle über den Sender, den er von Grund auf aufgebaut hat.
00:12:52: Doch der Moment, in dem ihm die Kontrolle entgleitet, ist näher als erahnt.
00:13:16: In einem kleinen Schnittraum von RTL.
00:13:19: Herr Thoma, das Redaktionsteam hat die letzten Tage lange Schichten eingelegt, damit wir Ihnen heute den Pilot für unsere neue Magazinsendung präsentieren können.
00:13:29: Dann zeigen Sie mal her.
00:13:32: Die Redakteurin zeigt auf einem Bildschirm.
00:13:34: Davor sitzt Helmut Thoma auf einem Drehstuhl, neben ihm der junge Katta.
00:13:41: Spielen Sie ab, bitte.
00:13:44: Meine Damen und Herren, wir wenden uns nun einem Sachverhalt zu, wer in den vergangenen Wochen zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.
00:13:51: So sieht gerade die Moderation aus.
00:13:53: Hier kommt dann noch die Bauchbinde rein.
00:13:58: Hmm.
00:14:05: Konzentriert schaut Thomas auf den Bildschirm.
00:14:08: Er ruht zu die Stirn.
00:14:11: Halten Sie mal an.
00:14:15: Habe ich da gerade Panorama geschaut?
00:14:18: Ähm ... Sie meinen das Magazin vom NDR?
00:14:24: Natürlich nicht.
00:14:25: So wirkt es aber.
00:14:27: Genauso belehren ARD und ZDF ihr Publikum.
00:14:31: Wir sind RTL.
00:14:33: Aber wir wollten doch weg vom Schmuddel-Image.
00:14:36: Eine Sendung mit Nachrichtenfaktor, etwas Seriöses.
00:14:40: Seriös heißt doch aber nicht sofort langweilig.
00:14:43: Der junge Cutter ergreift vorsichtig das Wort.
00:14:47: Also mehr Schnitte, die Ohltöne kürzen und mehr Musik?
00:14:50: Genau, wir brauchen mehr Gefühl, starke Geschichten mit starken Protagonisten, Täter, Opfer, Gewinner, Verlierer.
00:14:57: Wir wollen nichts Braves.
00:14:58: Das muss einschlagen.
00:15:01: Wir müssen also explosiver werden?
00:15:05: Ja, explosiver, das ist gut.
00:15:12: In den folgenden Jahren wird explosiv zu einem der prägenden Quotenhits von RTL.
00:15:18: Das Boulevard-Magazin am frühen Abend erzählt Geschichten schneller, direkter und näher am Alltag als die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.
00:15:26: Auch am Nachmittag erlebt RTL einen Boom.
00:15:29: Die Talkshow Hans Meiser erreicht Marktanteile von über vierzig Prozent.
00:15:34: Abends sorgen neue Shows und Serien für Millionenpublikum.
00:15:38: Die Hunderttausend-Mark-Show begeistert mit großen Gewinnen und die Boxkämpfe von Henry Maske machen einen traditionsreichen Sport wieder populär.
00:15:46: Dann produziert RTL mit Alarm für Cobra Elf die erste eigenproduzierte deutsche Action-Serie.
00:15:53: Preise und internationale Anerkennung folgen.
00:15:57: Mitte der Neunziger wächst auch die Konkurrenz weiter heran.
00:16:00: Der Medienunternehmer hinter Sat.
00:16:02: eins und pro sieben.
00:16:03: Leo Kirch baut seinen Einfluss im Privatfernsehen systematisch aus.
00:16:08: Die Kirchgruppe besetzt mit einem Kabelsender eine neue Programmsparte.
00:16:12: Kabel I sendet vor allem Serien, Filme und Wiederholungen aus dem Programm von ProSieben.
00:16:18: Helmut Thomas reagiert mit einem bewussten Gegenentwurf.
00:16:21: Es entsteht erst RTL II, ein Sender mit leichter Unterhaltung für eine noch jüngere Zielgruppe.
00:16:27: Später bringt SuperRTL als Joint Venture mit Disney ein reines Kinderprogramm auf den Markt.
00:16:33: Auch Vox startet, bleibt aber erst mal als informations- und kulturorientierter Sender weitgehend erfolglos.
00:16:41: Immer mehr private Sender kämpfen in allen Nischen, um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden.
00:16:46: Und RTL ist entschlossen, diesen Wettbewerb für sich zu entscheiden.
00:16:58: Früher in Köln.
00:17:02: In den Redaktionsräumen von RTL riecht es nach Filtercafé und frischer Druckerschwärze.
00:17:07: Es ist Quartalsende.
00:17:09: Der RTL-Programm-Direktor diskutiert mit einer Redakteurin.
00:17:13: In den letzten Wochen sahen die Einschaltquoten doch okay aus.
00:17:17: Ja, aber das bedeutet nichts, wenn wir keine Jahreszahlen haben.
00:17:20: Was zählt, ist der durchschnittliche Marktwert der AGF für ein ganzes Jahr.
00:17:25: Ohne den bleibt alles nur Spekulation.
00:17:28: Die AGF, die Arbeitsgemeinschaft für Fernsehforschung, ermittelt die Einschaltquote für die deutschen Fernsehsender.
00:17:35: Grundlage für die Erhebung sind über fünf Tausend repräsentativ ausgewählte Haushalte.
00:17:40: Die RTL-Redaktion wartet gespannt auf die Zahlen für nineteen Hundertneinundneinzig.
00:17:47: Helmut Thomas tritt ein.
00:17:49: Mittlerweile Anfang Fünfzig.
00:17:51: Der Stress der letzten zehn Jahre ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen.
00:17:56: Neugierig bolgt er sich über den Schreibtisch des Programmdirektors.
00:18:00: Gibt's was Neues?
00:18:02: Oder warten wir noch?
00:18:06: Da kommen die Zahlen.
00:18:09: Auf dem pigmentartigen Papier des Faxgerätes sind Einschaltquoten und Marktanteile in Tabellenform zu erkennen.
00:18:21: Okay, also ARD, nur siebzehn.
00:18:24: Und ZDF nur achtzehn Prozent.
00:18:26: Seit nineteenhundertneunzig hat sich der Anteil bei den öffentlich-rechtlichen fast halbiert.
00:18:31: Hört, hört.
00:18:33: Spann uns doch nicht so oft die Folter.
00:18:35: Wie sieht es denn bei den Privaten aus?
00:18:37: Pro sieben?
00:18:38: Neun Komma zwei Prozent.
00:18:41: Hm, nicht besonders beeindruckend.
00:18:43: Aber fast drei Prozent Anstieg.
00:18:45: Okay, und was ist mit Sat.
00:18:46: Eins?
00:18:46: Ähm,
00:18:48: Sat.
00:18:48: Eins.
00:18:49: Hier, vierzehn Komma vier Prozent.
00:18:51: Hah, Mittelfeld.
00:18:53: Aber trotzdem fast ein Prozent mehr als letztes Jahr.
00:18:57: Wie steht es denn nun um uns?
00:19:00: RTL, RTL, hier.
00:19:03: Achtzehn
00:19:04: Komma, neun Prozent.
00:19:06: Zwei Prozent Anstieg.
00:19:08: Und mehr als alle anderen.
00:19:10: In drei Jahren überholt der Privatsinder die jährlichen Einschaltquoten von ARD und ZDF.
00:19:23: Damit ist RTL zum ersten Mal Marktführer in Deutschland.
00:19:27: Und Helmut Thomas wird zu Mr.
00:19:29: RTL.
00:19:31: Er ist der Mann, dem es gelingt, aus einem kleinen Privatsender eine mächtige Fernsehmarke zu machen.
00:19:36: Thomas erhält Preise wie die goldene Kamera, den Bambi und sogar einen International Emmy Award.
00:19:43: Während RTL im Freien Fernsehen Erfolge feiert, beteiligt sich der Bertelsmann-Konzern ausgerechnet an einem neuen Projekt des Konkurrenten Leo Kirch.
00:19:52: Bertelsmann und die Kirchgruppe schaffen mit Premiere einen Pay-TV-Sender und begründen damit ein ganz neues TV-Geschäft.
00:20:00: Auf einem einzigen digitalen Kanal zeigt Premiere gegen Gebühren, Filme, Serien und Livesport.
00:20:07: RTL-Geschäftsführer Thomas kritisiert Bertelsmann öffentlich für sein Investment mit dem Konkurrenzkonzern.
00:20:14: Doch nicht nur aus den eigenen Reihen erwächst Konkurrenz.
00:20:17: Mit dem Erfolg von RTL fühlen sich auch die Öffentlich-Rechtlichen getrieben und versuchen, ihre Programme populärer zu machen.
00:20:35: In Köln.
00:20:36: Helmut Thomas sitzt zu Hause in seinem schweren Ledersessel.
00:20:40: Neben ihm seine dritte Ehefrau Daniel.
00:20:42: Die beiden haben sich kennengelernt, als Daniel bei RTL als Thomas-Assistentin arbeitete.
00:20:49: Helmut Thomas seht durch das Fernsehprogramm und bleibt hängen.
00:20:55: Na, schau mal an.
00:20:57: Was ist denn das da im ersten?
00:21:07: Große Gefühle vor dem Abendbrot.
00:21:10: Das Konzept kenne ich doch.
00:21:12: Guck doch mal in der Fernsehzeitung nach.
00:21:15: Mal schauen.
00:21:17: Hier, siebts nur fünfzig, das erste.
00:21:21: Verbotene Liebe.
00:21:23: Die neue Daily Soap erzählt von Liebe, Leidenschaft und Intrigen zwischen einflussreichen Familien.
00:21:30: Spannende Geschichten und überraschende Wendungen machen die erste Folge zu einem packenden Auftakt.
00:21:38: Interessant.
00:21:39: Gehen Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus.
00:21:44: Das ist also die neue Bescheidenheit der öffentlich-rechtlichen.
00:21:50: Thomas greift zum Telefon.
00:21:56: Ich sitze gerade vom Fernseher.
00:21:58: Hey, du bist es!
00:22:00: Ja, ich bin beim ersten Programm hängen geblieben aus Neugier.
00:22:05: Oh!
00:22:05: Du wusstest nicht glauben, die machen jetzt auch Daily Soap, zur besten Zeit.
00:22:10: Du meinst, wie unser GZSZ?
00:22:12: Naja.
00:22:14: So schlecht.
00:22:16: Es ist nicht schlecht produziert, aber man sieht schon, woher es kommt.
00:22:20: Erst nehmen Sie GZSZ nicht ernst und dann machen Sie es uns nach?
00:22:25: Die Öffis haben wir Blut geleckt.
00:22:26: Die wollen unsere Quoten mit unseren Ideen.
00:22:30: Der wahre Programmdirektor sind am Ende eben doch die Zuschauer.
00:22:41: Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen aufholen.
00:22:44: Mit selbst produzierten Daily Soaps wie Verbotene Liebe und Marienhof schaffen sie, dass ihre Einschaltquoten wieder steigen.
00:22:51: Und in den eigenen Reihen von RTL brodelt es weiter.
00:22:54: Denn Bertelsmann sichert sich erneut neue Anteile an dem Privatsender.
00:22:59: Aber Helmut Thomas will den Sender nicht kampflos aufgeben.
00:23:02: Die Fronten verhörten sich.
00:23:04: Bis es zu einem allesentscheidenen Eklat kommt.
00:23:24: In dem Berliner Nobelhotel Esplanade.
00:23:28: Bertelsmann hat zum Dinner geladen.
00:23:31: Der prunkvoll geschmückte Saal ist gefüllt.
00:23:33: Rund hundert Gäste sind gekommen.
00:23:35: Unter ihnen auch Helmut Thomas, Nista RTL.
00:23:39: Skeptisch sieht er sich im Saal um.
00:23:41: Seine Ehefrau Daniel und Sohn Harald sitzen mit am Tisch.
00:23:45: Die Hälfte der Leute hier kenne ich gar nicht.
00:23:48: Was haben die mit RTL am Hut?
00:23:50: Die gehören vermutlich zu Bertelsmann.
00:23:53: Rolf Schmidt-Holz stellt sich auf ein Podium vor.
00:23:55: die Gäste.
00:23:57: Test, Test.
00:23:59: Der Bertelsmann-Manager und Journalist trägt einen grauen Anzug und einen breiten Oberlippenschnauzer.
00:24:05: Meine Damen und Herren, wir stehen an einem Wendepunkt.
00:24:09: Bertelsmann steht für neues digitales Fernsehen.
00:24:17: Unsere neuen Geschäftsmodelle und internationalen Allianzen, Medienwesen werden alles verändern.
00:24:24: Helmut Thomas guckt kritisch zum Podium.
00:24:28: Helmut,
00:24:29: bitte, lass doch den Löffel liegen.
00:24:33: Er verliert kein Wort zu den Quoten und Einnahmen von RTL Daniel.
00:24:36: Es geht ihm nur um das digitale Fernsehen.
00:24:39: Und er lässt dabei völlig außen vor, dass Premiere-Milliarden-Verluste macht.
00:24:43: Ich weiß ja,
00:24:44: Helmut.
00:24:46: Ich habe RTL aufgebaut und erfolgreich gemacht mit einem einzigartigen Programm.
00:24:51: Und die Millionen, die wir mit den Werbeeinnahmen aus unserem Fernsehprogramm einfahren, stecken sich jetzt die Bertelsmann-Kontrollettis in die Taschen.
00:25:01: Nicht allen mag die neue Digital-Offensive unseres Konzerns gefallen.
00:25:06: Und nicht alle sind auf dem neuesten Stand.
00:25:10: Thomas trifft kurz der feigste Blick des Bertelsmann-Managers vom Podium.
00:25:15: Lächerlich!
00:25:16: Das kann ich mir doch nicht lecker anhören.
00:25:18: Helmut, die schau'n alle.
00:25:20: Dann lass' sie doch schau'n.
00:25:22: Aber Helmut ... Das Dessert kommt doch erst.
00:25:27: Darauf verzichte ich.
00:25:35: Das Verhältnis zwischen RTL und Bertelsmann ist Ende der neunziger Jahre offen zerrüttet.
00:25:41: Missverständnisse und Misstrauen bestimmen das Klima zwischen dem unkonventionellen Fernsehchef Helmut Thomas und den Rendite-orientierten Managern des Gütersloher-Konzerns.
00:25:51: Doch Thomas einfach ersetzen kann Bertelsmann nicht, weil ihnen dazu im eigenen Kreis die Mehrheit fehlt.
00:25:57: Währenddessen bleibt RTL auf Erfolgskurs.
00:26:00: In den letzten Jahren macht der Sender einen Gewinn von rund drei Millionen Mark.
00:26:05: Heute etwa von rund drei Millionen Euro.
00:26:08: Konkurrenz hat einen Gegner, schreibt noch immer rote Zahlen.
00:26:11: Während RTL im Freien Fernsehen weiterhin Rekordzahlen verbucht, versucht sich der Konzern hinter RTL gemeinsam mit der Kirchkonkurrenz im Bezahlfernsehen neu aufzustellen.
00:26:30: Juli, in Unterführung bei München.
00:26:35: Leo Kirch sitzt unter einem schweren Schreibtisch.
00:26:38: versunken in einen Bericht.
00:26:44: Sein Sohn Thomas Kirch kommt aufgeregt ins Zimmer.
00:26:48: Er hält seinem Vater einen gefalteten Brief entgegen.
00:26:51: Den hat mir gerade der Empfang mitgegeben.
00:26:54: Und von wem ist der?
00:26:56: Vom Bundeskartellamt.
00:26:58: Die mahnen uns ab.
00:27:01: Langsam faltet Leo Kirch den Brief auseinander und beginnt zu lesen.
00:27:06: Ich verstehe.
00:27:07: Die wollen verhindern, dass wir beim PayTV zu Eng mit Bertelsmann korporieren?
00:27:12: Genau.
00:27:13: Zum Beispiel beim Einkauf von Filmen und Sportrechten.
00:27:17: Thomas Kirch stellt sich neben seinen Vater und liest laut aus dem Brief vor.
00:27:21: Die Gefahr eines wettbewerbslosen Oligopol, der zwei größten Medienanbieter in Deutschland muss in diesem Fall verhindert werden.
00:27:29: Wir sprechen nach reiflicher Prüfung sowohl der Kirchgruppe als auch dem Bertelsmann Verlag ein Verbot aus ihre jeweiligen Anteiler am Aboardement-Sender-Premiere auf fünfzig Prozent aufzustocken.
00:27:44: Okay, das Bundeskartellamt hat also Angst, dass es zu wenige große Anbieter auf dem Medienmarkt gibt und wir zu viel Macht über Preise und Marktgeschehen bekommen.
00:27:54: Und Sie haben noch eine Warnung angehangen?
00:27:56: Das Bundeskartellamt verweist erneut darauf, dass die Senderfamilie Sat.
00:28:01: I DSF pro Sieben und Kabel I der Kirchgruppe sowie RTL, RTL II, SuperRTL und Vox des Bertelsmann-Verlags bereits jetzt zusammen den deutschen Fernsehwerbemarkt als einzige Wettbewerber beherrschen.
00:28:15: Sie sind uns also auf den Fersen.
00:28:18: Könnte man auch als Drohung auffassen?
00:28:23: Naja, ich würde es eher als Anregung verstehen.
00:28:28: Wenn sie uns nun bei Premiere abgemahnt haben, wächst vielleicht die Chance, unsere Stellung auf dem freien Fernsehmarkt auszubauen.
00:28:36: Das hier klingt aber ganz anders.
00:28:39: Sohn, wir müssen strategisch vorgehen.
00:28:42: Wenn wir jetzt unsere Anteile an Sat.Eins anheben und sie uns das auch noch verbieten wollen, können wir argumentieren, dass sie schon die Premiere Fusion verhindert haben.
00:28:53: Du willst unsere Anteile an Sat.Eins anheben?
00:28:55: Exakt.
00:28:56: Gerade haben wir forty-fünf Prozent und wir sollten mindestens die Hälfte in unserer Hand haben.
00:29:04: Leo Kirch greift zum Telefon.
00:29:08: Ruf die Anwälte zusammen und alle Berater, heute noch.
00:29:12: Und wenn sie auch das verhindern?
00:29:14: Das werden wir sehen.
00:29:33: Aus einer gewünschten Demokratisierung des Fernsehmarkts, durch das Deutsche Privatfernsehen, ist fünfzehn Jahre nach der Gründung von Satt-Eins und RTL ein mächtiges Oligopol geworden.
00:29:44: Dem gekürten Gründervater des Deutschen Privatfernsehens Helmut Thomas geht diese Entwicklung gewaltig gegen den Strich.
00:30:02: damals SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
00:30:07: Zwei Jahrzehnte hat Mr.
00:30:09: RTL den Sender geprägt, die öffentlich-rechtlichen aus dem Scheinwerferlicht gedrängt und das deutsche Fernsehen nachhaltig verändert.
00:30:17: RTL ist im Wachstumsmodus, Nummer eins auf dem deutschen Fernsehwerbemarkt, der größte Werbeträger Europas und dauerhafter Marktführer in der jungen Zielgruppe.
00:30:28: Gleichzeitig beginnt Leo Kirchs Medienimperium zu bröckeln.
00:30:31: Denn die Kirchgruppe ist hochverschuldet.
00:30:34: Eigentlich beste Voraussetzungen für RTL.
00:30:38: Aber bleibt der Privatsender auch ohne Thomas die Nummer eins?
00:30:47: Das war Folge zwei von FIA.
00:30:49: Von Imperium.
00:30:51: Die RTL-Story von Studio J. Ein Hinweis zu den Dialogen, die du gehört hast.
00:30:57: Wir wissen natürlich nicht genau, was gesprochen wurde.
00:30:59: Alle Dialoge basieren nach bestem Wissen auf unseren Recherchen.
00:31:02: Wenn du mehr über das Leben von Helmut Thomas erfahren willst, Empfehlen wir das Buch seiner Ehefrau Danielle Thoma, Hochexplosiv, Mein Leben mit Mr.
00:31:11: RTL.
00:31:12: Ich bin Marc-Ben Poch.
00:31:14: Und ich bin Aline Staskowiak.
00:31:16: Marie Hecht hat die Folge geschrieben.
00:31:18: Für Studio J, Producer Alex Hemsen, Executive Producer Janis Gibbard.
00:31:24: Das Sounddesign hat Fanny Huda gemacht, gemischt von Fabian Klinke.
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