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Die RTL Story | Der Reality Hype | 3

Shownotes

Folge 3/4: RTL steht auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Doch an der Spitze vollzieht sich ein radikaler Wandel. Medienriese Bertelsmann entmachtet „Mr. RTL“ Helmut Thoma und installiert ein neues Gesicht, das den Sender in eine andere Zukunft führen soll. Getrieben von Bertelsmanns kompromisslosem Profitkurs rückt fortan nur noch eines in den Fokus: Quote um jeden Preis. Die neue Führung schreckt nicht davor zurück, die Grenzen des Sendbaren auszuloten und zu überschreiten. Zwischen wirtschaftlichem Kalkül, moralischen Grauzonen und einem gnadenlosen Wettbewerb beginnt eine neue Ära, die RTL und die deutsche Fernsehlandschaft nachhaltig verändern wird.

Kontakt: imperium@studio-jot.de Folge IMPERIUM: https://www.instagram.com/imperium.podcast/

Transkript anzeigen

00:00:01: Fünfter November, in Norden der Niederlande.

00:00:10: In der Prinz Bernhard Halle herrscht gespannte Stille.

00:00:14: Auf einer Fläche so groß wie ein halbes Fußballfeld stehen zweieinhalb Millionen Domino-Steine, die in Kürze in einer Kettenreaktion fallen sollen.

00:00:24: Das Ziel ist, kein Geringeres als einen neuen Weltrekord aufzustellen.

00:00:28: Der Domino Day, wird live auf RTL übertragen.

00:00:34: Moderatoren Linda de Mol führt durch den Abend.

00:00:38: Guten Abend, meine Damen und Herren.

00:00:40: Herzlich willkommen hier live aus der Prinz Bernhard Halle im nördlichsten Zipfel von Holland.

00:00:46: An alle Einheiten bitte auf Empfang.

00:00:49: Sichtlich nervös steht der Produktionsleiter am Rand des Geschehens.

00:00:54: Besorgt blickt er auf die besonders fragilen Stellen des Domino-Parkours zu seinen Füßen.

00:00:59: Jede kleinste Bewegung kann die ganze Show ruinieren.

00:01:03: Er greift zum Rockytalki.

00:01:05: Status für das gesamte Feld, bitte kommen.

00:01:09: Security, hört.

00:01:10: Ist die Fläche gesichert.

00:01:12: Kopiert.

00:01:13: Die Fläche ist frei, keine Bewegung mehr entfällt.

00:01:15: Luft ist ruhig und Türen sind geschlossen.

00:01:17: Notfallstops aktiviert.

00:01:18: Over.

00:01:20: Ich wiederhole noch mal, jede Erschütterung ist zu vermeiden.

00:01:23: Kameras, bitte kommen.

00:01:25: Kamera eins, Set, totale über das komplette Dominofeld, Over.

00:01:30: Kamera zwei fährt mit dem Kran auf den Startbereich zu.

00:01:32: Fokus liegt auf dem ersten Stein und der Auslösevorrichtung, Set, Over.

00:01:37: Detailkamera am Startmodul, Chipkameras an allen Skulpturen und Installationen, Set.

00:01:43: Kameraschlitten für flüssige Fahrten entlang der Dominolinien auch Set, Over.

00:01:48: Moderatorin Linda de Mol kommentiert die letzten Vorbereitungen für die Zuschauenden vor ihren Bildschirmen.

00:01:54: Das müssen Sie sich mal vorstellen, meine Damen und Herren.

00:01:57: Das ganze Team hat sieben Wochen lang nichts anderes getan als Domino Steine gesetzt, gesehen, geträumt, geschwitzt.

00:02:05: Ich denke, dass das Team echt die Nerven in der Hand haben muss.

00:02:08: Und auch ich werde so langsam wirklich nervös.

00:02:12: Der Produktionsleiter wendet sich ein letztes Mal an sein Team.

00:02:16: Wichtig für alle.

00:02:17: Ab jetzt, absolute Ruhe und Konzentration im Studio.

00:02:21: Kurz bevor der erste Stein fällt, Action.

00:02:25: Ja, wir stehen jetzt hier vorm ersten Stein.

00:02:29: Neben mir steht jetzt Illusionist Hans Klok, der dank seiner Popularität in Deutschland, Holland und Belgien, den drei Ländern, in denen wir heute Abend live sind, den ersten Stein anstoßen darf.

00:02:41: Und du hast damals auch in der leeren Halle den ersten Stein gesetzt.

00:02:46: Diesen goldenen Stein hast du aus einer Rose hervorgezaubert.

00:02:49: Machst du das heute Abend wieder mit einem Trick?

00:02:52: Das würde ich gerne, aber die Leute vom Produktionsteam haben gesagt, unbedingt keine Magie, Hans Klok.

00:02:58: Die hatten Angst, dass plötzlich Millionen Steine verschwinden.

00:03:01: Ich mache keine Tricks.

00:03:03: Du machst einfach einen Schubs mit dem Finger.

00:03:06: Das ist vielleicht auch das Allerbeste.

00:03:10: Ich hoffe, alle sind soweit, das ganze Team.

00:03:13: Seid ihr bereit?

00:03:15: Ich sehe viele Köpfe nicken.

00:03:17: So ein spannender Moment, denn sobald du den ersten Stein anstößt, können wir gar nichts mehr machen.

00:03:25: Ich warte nur noch auf das Zeichen der Produktionsleitung, das wir anfangen dürfen.

00:03:30: Dürfen wir?

00:03:31: Mit angespannter Mine gibt der Produktionsleiter sein Zeichen.

00:03:35: Hans, bitteschön.

00:03:39: Der erste Stein der Dominokette fällt und die Halle hält den Atem an.

00:03:46: Dann ist die Kettenreaktion ausgelöst.

00:03:51: In einem gehörigen Tempo fallen die Steine nacheinander.

00:03:54: Sie offenbaren aus Domino-Steinen geformte Bilder, lösen Laser-Installationen oder kleine Feuerwerke aus.

00:04:02: Und nach zwei Stunden steht fest, zwei Millionen, vierhundert zweiundsiebzig tausend, vierhundertachzig Domino-Steine sind umgefallen.

00:04:13: Damit ist der Rekord des Vorjahres deutlich übertroffen.

00:04:20: Der Kölner Privatsender RTL erreicht mit der Live-Übertragung des Domino Day Ende der neunziger Jahre neue Spitzenwerte.

00:04:28: Über vierzehn Millionen Menschen schauen zu, wie live der Weltrekord gebrochen wird.

00:04:33: In der werberelevanten Zielgruppe liegt RTLs Marktanteil für den Abend bei über fünfzig Prozent.

00:04:40: Wieder beweist der Sender sein Gespür für spektakuläre Fernseherreignisse.

00:04:44: Doch der Abend bewirkt noch mehr.

00:04:46: Er holt die niederländische Produktionsfirma Endemol in den Fokus des Privatsenders.

00:04:52: Und Endemol wird bald nicht nur RTL, sondern die gesamte Fernsehlandschaft für immer auf den Kopf stellen.

00:05:14: Ich bin Marc-Ben Poch und das ist Imperium, die RTL Story von Studio J. In der letzten Folge hat Helmut Thomas den Privatsender an die deutsche Spitze gebracht.

00:05:40: RTL hat sich zum dominanten Wettbewerber in der neuen, werberrelevanten Zielgruppe der vierzen bis neunundvierzigjährigen entwickelt und den öffentlich-rechtlichen Konkurrenz gemacht.

00:05:50: Mit Quotenhits wie Explosiv oder GZSZ schoss RTL unter Thomas Leitung zum Marktführer-Empor, sodass sogar ARD und ZDF die Erfolgsformate des Privatsinners kopierten.

00:06:04: Doch nach einem jahrelangen Machtkampf hat der Bertelsmann-Konzern Helmut Thomas Mr.

00:06:09: RTL erfolgreich von der Senderspitze verdrängt.

00:06:13: In dieser Folge will Bertelsmann seinen Einfluss auf RTL vergrößern und die Profite steigern.

00:06:19: Und dafür kommt jemand an die Spitze, der bereit ist, für die beste Quote sogar einen Sendeverbot der Medienaufsicht zu riskieren.

00:06:28: Das ist Folge drei von vier.

00:06:42: In der Chefetage von RTL sitzt der neue Geschäftsführer Gerhard Zeiler am Kopf eines Konferentstisches.

00:06:48: Er ist Anfang vierzig und trägt eine Brille.

00:06:52: Ich freue mich, Sie alle heute in Köln begrüßen zu dürfen.

00:06:56: Zeiler, ebenfalls ein gebürtiger Wiener, wurde Anfang der neunziger Jahre von ex RTL-Chef Helmut Thomas in den Sender geholt.

00:07:03: Nun folgt er ihm auf dem Geschäftsführer-Posten.

00:07:06: Im Gegensatz zum Visionären, aber kontroversen Helmut Thomas gilt Gerhard Seiler als nüchterner international denkender Manager.

00:07:15: Er sieht RTL als Teil von Bertelsmann und richtet seine Strategie auf den Konzernen aus.

00:07:21: Wie Sie wissen, wächst der Privatfernsehmarkt nur noch geringfügig.

00:07:25: Wir befinden uns also mitten in einem neuen Wettbewerb.

00:07:28: In diesem Jahr lagen wir bei unserer Hauptzielgruppe fünf Prozentpunkte vor der privaten Konkurrenz von pro sieben und satt eins.

00:07:36: Diesen Vorsprung wollen wir halten.

00:07:39: Dafür brauchen wir eine langfristige Markenpflege der RTL-Sender-Familie.

00:07:43: Jede Sendung muss Marktführer sein.

00:07:46: Frau Schäferkort, wie wollen Sie unser Sorgenkind retten?

00:07:50: Zeiler blickt über den Tisch zu einer Frau mit der Dreißig.

00:07:53: Anke Schäferkort ist die Programmchefin des Senders Vox.

00:07:57: Vox hat zur Hauptsendezeit am Abend derzeit einen Marktanteil von nur einem Prozent.

00:08:02: Ich will weg von der beliebigen Mischung aus Sport, Nachrichten, Filmen und Serien und hin zu einer klaren Handschrift.

00:08:09: Wir sind gerade an den US-Lizenzen für neue Serien dran.

00:08:13: Was haben Sie ins Auge gefasst?

00:08:16: Erli McBeal scheint mir am Erfolg versprechen.

00:08:19: Aber nur in Kombination mit starken Eigenproduktionen und einem guten Spielfilmangebot wird es ein erfolgreiches Programm.

00:08:28: Daher plane ich, ein Filmpaket von Twentieth Century Fox zu kaufen.

00:08:32: Der Dollar-Kurs scheint zu fallen und, wenn wir die Filmsammlung erst mal haben, können wir einzelne davon mit Gewinn auch an andere Sender verkaufen.

00:08:41: Interessante Idee.

00:08:43: Wenn wir das konsequent umsetzen, werden wir auch wirtschaftlich endlich in der Gewinnzone landen.

00:08:49: Vielen Dank, Frau Schäferkort.

00:08:50: Solange Sie Erfolg haben, lasse ich Ihnen gerne freie Hand.

00:08:54: Herr Schmidt, wie sieht es beim Kinderfernsehen aus?

00:08:57: Claude Schmidt ist Ende dreißig, selbst Vater von drei Kindern und baut seit einigen Jahren den Sender SuperRTL auf.

00:09:05: Gemeinsam mit Disney können wir eine Dominanz aufbauen, die es so in Deutschland noch nicht gibt.

00:09:11: Wir sind gerade an einer neuen Show dran.

00:09:13: Sie stammt aus Großbritannien und heißt Art Attack.

00:09:16: Es geht ums Basteln.

00:09:18: Klingt vielversprechend.

00:09:20: Herr Andorfer, ich habe gehört, Sie haben Ihre Fühler nach Japan ausgestreckt.

00:09:25: Der einundvierzigjährige RTL-Zwei-Geschäftsführer Josef Andorfer ist bekannt für sein unkonventionelles Management und seine jugendliche Experimentierfreudigkeit.

00:09:35: Animes haben großes Potenzial und sind in Deutschland noch ein Nischenprodukt.

00:09:39: Wir wollen RTL-Zwei als zentrale Plattform etablieren.

00:09:43: Sailor Moon, Pokémon, Dragon Ball.

00:09:45: So binden wir eine jugendliche Zielgruppe im Nachmittagsprogramm.

00:09:49: Und super RTL bleibt für die Kleinen.

00:09:52: Genau.

00:09:53: RTL-Geschäftsführer Gerhard Seiler blickt zufrieden in die Runde.

00:09:57: So decken wir in der gesamten RTL-Sender-Familie jede Sparte unserer Hauptziehgruppe ab.

00:10:03: Ich danke Ihnen.

00:10:05: Nun zu RTL.

00:10:07: Ich stehe gerade in Kontakt mit der niederländischen Produktionsfirma Endemol.

00:10:12: Sie wollen an den großen Erfolg vom Domino Day anknüpfen?

00:10:16: Wir haben über eine neue Quiz-Show für das RTL-Abendprogramm gesprochen.

00:10:21: Angelehnt an die US-amerikanische Show Who Wants To Be A Millionär.

00:10:25: Ein Kandidat, viele Fragen und sehr hohe Gewinnsum.

00:10:29: Mit Günter Jauch von SternTV haben wir einen guten Moderator gefunden, aber er ist extrem skeptisch.

00:10:35: Ich konnte ihn nur zu vier Ausgaben überreden.

00:10:38: Vier Sendungen sind wirklich überschaubar.

00:10:41: Aber wer weiß, wenn es funktioniert, lässt er sich vielleicht umstimmen.

00:10:46: Drücken Sie mir die Daumen.

00:10:53: wird zum ersten Mal am dritten September, nineteenhundertneunzig bei RTL ausgestrahlt.

00:11:00: Die ersten Folgen erzielen noch keine großen Quoten.

00:11:02: Doch die Sendung gewinnt schnell an Fahrt.

00:11:05: Schon nach wenigen Monaten schauen regelmäßig über dreizehn Millionen Menschen zu.

00:11:10: Das Quiz mit Günter Jauch wird zu einem festen Ereignis im RTL-Abend-Programm und etabliert sich als eines der erfolgreichsten Formate des Senders.

00:11:19: Der neue RTL-Geschäftsführer Gerhard Seiler investiert massiv in das Programm.

00:11:24: Über eine Milliarde Mark, heute rund eighthundertfünfzig Millionen Euro, gibt er in den letzten Jahren für neue Inhalte aus.

00:11:32: Davon fließen zweiundsiebzig Prozent in Eigen- und Auftragsproduktionen.

00:11:37: Zeil als Ziel ist klar.

00:11:39: RTL soll dauerhaft an der Spitze bleiben.

00:11:48: Während RTL wächst, gerät die Konkurrenz im Zwangten.

00:11:52: Ende der neunziger Jahre wird bekannt, dass die Kirchgruppe, die hinter Sat.

00:11:55: eins pro sieben und Kabel eins steht, tief verschuldet ist.

00:11:59: Über drei Milliarden Mark schuldet der Medienkonzern deutschen Banken.

00:12:03: Bertelsmann zieht Konsequenzen und verkauft seine Anteile am gemeinsamen Pay-TV-Sender Premiere.

00:12:10: RTL sichert sich seine Marktposition als der größte Werbeträge am deutschen Fernsehen und sucht gleichzeitig nach neuen Ideen.

00:12:18: Um den Erfolg in der neuen Programmstrategie auszubauen, holt sich der Sender Unterstützung aus den Niederland.

00:12:25: Dort läuft ein neues, nie-dagewesenes Format an, dass bald auch in Deutschland für Unruhe sorgen soll.

00:12:55: Herr Andorfer, herzlich willkommen.

00:12:57: Vielen Dank.

00:12:58: Es freut mich, dass wir so schnell zusammenkommen.

00:13:01: Setzen Sie sich doch.

00:13:03: Was führt sie zu mir?

00:13:05: Big Brother steht kurz vor dem Finale und die Schlagzeilen in der Presse überschlagen sich.

00:13:11: Ich möchte sie zu ihrem neuen Format beglückwünschen.

00:13:14: Ja, wir hatten Anlaufschwierigkeiten, aber nachdem die Zuschauer Bart und Sabine im Nachtsichtmodus der Kameras gemeinsam im Bett beobachten und sie danach genüsslich ihre Zigaretten rauchen sehen konnten, ist der Knoten so richtig geplatzt.

00:13:31: Jetzt bekommen die Leute gar nicht mehr genug von dem Containerleben.

00:13:35: Ich hoffe doch sehr, dass wir einen Weg finden, Big Brother so schnell wie möglich auch auf den deutschen Markt zu bringen.

00:13:42: Dann schießen Sie mal los.

00:13:44: Sehen Sie, ich baue RTL II als die unkonventionelle Alternative zu RTL auf.

00:13:50: Ein junger Sender, der den Trend der Zeit erfasst, der Spaß machen soll.

00:13:55: Big Brother ist genau das, was ich suche.

00:13:58: Nun ja.

00:14:00: Für die erste Staffel habe ich ein paar Ideen als zu radikal unter den Tisch fallen lassen.

00:14:05: Vielleicht können wir die in Deutschland testen.

00:14:08: Was schwebt Ihnen vor?

00:14:10: Die Auswahl der Teilnehmenden ist bei dieser Art von Reality TV-Formaten zentral.

00:14:17: Mit Hilfe des Casts können wir in der Produktion bewusst Unstimmigkeiten provozieren.

00:14:23: Da stimme ich zu.

00:14:24: und weiter?

00:14:26: Ich schlage vor.

00:14:27: dass wir keine homogene Gruppe kasten, sondern gezielt Gegengesetze.

00:14:32: Damit Konflikte nicht nur möglich sind, sondern unvermeidlich.

00:14:37: Sie meinen, Kaotentreffen auf Ordnungsmitischisten, Dauerqualmer auf Nichtraucherinnen oder Vegetarier auf Fleischliebhaberinnen?

00:14:46: Andorfer schaut auf seine Notizen zum neuen Format.

00:14:50: Wie sieht es mit der Tagesstruktur aus?

00:14:52: Ich würde sagen, wir gehen auf das Minimum zurück.

00:14:56: Die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen nur eine Stunde heißes Wasser am Tag.

00:15:00: Und wer es warm haben will, muss Holz hacken.

00:15:05: Ich sehe, wir verstehen uns.

00:15:07: Das wird große Diskussionen lostreten.

00:15:09: Politisch, medial und gesellschaftlich.

00:15:12: Und genau deshalb wird es jeder sehen wollen.

00:15:15: Da können wir uns sicher sein.

00:15:20: In Dezember, zeigt RTL-Zwei eine Sondersendung.

00:15:25: in der die deutschen Big Brother-Spielregeln ausführlich erklärt werden.

00:15:29: Durchschnittlich verfolgen eine Million Menschen die einstündige Einführung, in der die Zuschauerinnen und Zuschauer regelmäßig dazu aufgerufen werden, sich zu bewerben.

00:15:38: Innerhalb weniger Tage melden sich mehr als zwanzigtausend Menschen.

00:15:42: Bereit dazu, sich in einen Container einschließen und rund um die Uhr beobachten zu lassen.

00:15:48: Doch noch bevor die erste Kamera in Deutschland läuft, kippt die Stimmung.

00:15:53: Die Presse schlägt Alarm, die Politik warnt und die Medienaufsicht droht mit Verboten.

00:15:57: Schon vor Ausstrahlung wird Big Brother zum Politikum.

00:16:16: Ein hoher Raum im Landtagsgebäude.

00:16:20: Durch die Fenster fällt kaltes Winterlicht.

00:16:23: Am Tisch sitzt Kurt Beck, SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

00:16:28: Vor ihm liegt ein Stapel Zeitungen, in denen Beck bedeutsame Stellen markiert.

00:16:34: Mir wurde gesagt, Sie sind soweit?

00:16:37: Bitte, kommen Sie rein.

00:16:39: Eine Reporterin tritt in den Raum.

00:16:41: Setzen Sie sich doch.

00:16:43: Die legär gekleidete Frau zückt Notizblock und Stift.

00:16:47: Neben sich legt sie ein Diktiergerät.

00:16:50: Fangen wir doch direkt an.

00:16:51: Ihre Zeit ist ja begrenzt.

00:16:53: Das weiß ich zu schätzen.

00:16:55: Herr Beck, Big Brother ist noch nicht einmal in Deutschland angelaufen und Sie starten schon eine Hetzkampagne gegen den Sender.

00:17:02: Warum geht Ihnen das Format so gegen den Strich?

00:17:05: Nicht umsonst geht der Name dieser sogenannten Show auf George Orwells Roman, Nineteenhundert achtzig zurück.

00:17:13: Im Roman ist Big Brother eine allsehende und autoritäre Führerfigur eines totalitären Überwachungsstaates.

00:17:20: Eine auf diesem angsteinflößenden Prinzip basierende Show überschreitet alle Grenzen von Unterhaltung.

00:17:27: Menschen werden dauerhaft beobachtet, bewertet, aussortiert.

00:17:30: Das ist kein harmloses Spiel.

00:17:32: Es geht um echte Menschen.

00:17:34: Sie haben sich an die Medienaufsicht gewandt und von einem Verstoß gegen die Menschenwürde gesprochen.

00:17:40: Warum greifen Sie so hart durch?

00:17:43: Weil es Situationen gibt, in denen man handeln muss, bevor etwas entgleist.

00:17:48: RTL II argumentiert, die Kandidatinnen und Kandidaten würden freiwillig teilnehmen und psychologisch betreut werden.

00:17:56: Der RTL II-Chef, Josef Andorfer, sagt, dass niemand gezwungen werde, mitzumachen.

00:18:02: Freiwilligkeit allein reicht hier nicht aus, um moralische Risiken auszublenden.

00:18:07: Auch freiwillig kann man Teil eines Systems werden, das Menschen instrumentalisiert.

00:18:12: Hier geht es nicht um Betreuung, sondern um ein Konzept, das Voyeurismus gezielt bedient.

00:18:18: Kritiker werfen ihnen vor, sie wollen die Sendung dazu nutzen, den privaten Rundfunk Maas zu regeln.

00:18:24: Ist dieser Aufruhr um eine Fernsehshow wirklich gerechtfertigt?

00:18:29: Es geht mir nicht darum, einen Maulkorb zu verteilen.

00:18:31: Ich will einen öffentlichen Diskurs darüber anstoßen, was uns die Menschen würde, im Rundfunk wert ist und wo die Freiheit des Privatfernsehens endet.

00:18:41: Wir dürfen nicht ständig von Werteverfall reden und gleichzeitig wegsehen, wenn er befördert wird.

00:18:48: Nervös blickt der Ministerpräsident auf seiner Armbanduhr.

00:18:51: Erlauben Sie noch eine letzte Frage.

00:18:54: Was ist Ihre Einschätzung?

00:18:56: Wird die Medienaufsicht RTL-Zwei verbieten, Big Brother auszustrahlen?

00:19:00: Nach allem, was ich von dem Sendeformat kenne, muss RTL II mit einem aufsichtsrechtlichen Einschreiten rechnen.

00:19:10: Doch das von Ministerpräsident Beck herbeigesehnte, aufsichtsrechtliche Einschreiten vor der Ausstrahlung bleibt aus.

00:19:17: Am Abend des ersten März, zweitausend, sendet RTL II die erste Folge Big Brother.

00:19:23: Zehn Kandidatinnen und Kandidaten ziehen für einhundert Tage in einen hermetisch abgeschotteten Container gefilmt von achtundzwanzig Kameras.

00:19:33: Die Medienaufsicht droht nach der Premiere zwar mit der Absetzung der Show, doch RTL-Zwei verspricht das Konzept nicht zu verschärfen, den Jugendschutz einzuhalten und täglich in der Zeit zwischen neun und einundzwanzig Uhr vor eine Stunde in beiden Schlafräumen des Wohncontainers auf die Kameraaufzeichnung zu verzichten.

00:19:51: Die Show bleibt im Programm.

00:19:59: Big Brother leitet eine neue Ära des Fernsehens ein.

00:20:03: Teilnehmende ohne Medienerfahrung geraten in den Fokus der Öffentlichkeit.

00:20:07: und werden von einer ganzen Nation zu wahlweise Stars oder Hassobjekten gemacht.

00:20:14: Die Folgen tragen sie in ihre Privatleben weit über die Grenzen der Sendung hinaus.

00:20:19: Szenen, die im Fernsehen zu heikel sind, finden im Internet statt.

00:20:23: Über ein Website läuft ein Big Brother Livestream rund um die Uhr.

00:20:27: Es ist das erste Mal, dass Fernsehen und Internet derart miteinander zusammenwachsen.

00:20:39: Binnen weniger Wochen wird Big Brother zum größten Erfolg in der Sendergeschichte.

00:20:44: Mit rund fünfzig Millionen Mark Werbeeinnahmen, heute umgerechnet etwa vierzig Millionen Euro, spielt die erste Staffel von Big Brother knapp ein Zehntel des gesamten Jahresumsatzes von RTL II ein.

00:20:56: In der werberelevanten Zielgruppe der vierzen bis neunundvierzigjährigen erreicht die Show regelmäßig rund zwanzig Prozent Marktanteil.

00:21:04: Bei den jüngeren vierzen bis neunundzwanzigjährigen liegen die Werte zeitweise sogar bei über vierzig Prozent.

00:21:11: Die tägliche Zusammenfassung läuft zur besten Sendezeit.

00:21:15: Nach einhundert zwei Tagen gewinnt Kandidat John Miltz die zweihundertfünfzigtausend-Mark-Sieger-Premier.

00:21:22: Big Brother-Affinder John de Mol verkauft das Format in dutzende Länder auf der ganzen Welt und zählt bis heute zu den reichsten Niederländern.

00:21:30: Im Jahr zweitausend, einen Monat nach dem Big Brother-Erfolg, bündeln Bertelsmann und seine Partner ihre Kräfte und gründen die RTL Group.

00:21:40: Damit entsteht Europas größter Rundfunkkonzern.

00:21:43: Während Big Brother auf den Bildschirmen die Grenzen des Sendbaren neu definiert, erweitert RTL seine Identität.

00:21:57: In einer kleinen Wohnung in Dortmunder Süden.

00:22:00: Ein Vater deckt den Couchtisch mit zwei Tellern.

00:22:04: Da bist du ja.

00:22:06: Seine Jugendliche Tochter stellt ihre Schultasche im Flur ab und kommt ins Wohnzimmer.

00:22:11: Ich dachte, wir essen heute mal im Wohnzimmer.

00:22:15: Ja, klar.

00:22:17: Guten Appetit.

00:22:19: Guten Appetit.

00:22:21: Mal schauen, was in der Glotze läuft.

00:22:26: Warte.

00:22:27: Stopp mal dabei, RTL.

00:22:29: Ah

00:22:33: ja, der Schwächste fliegt.

00:22:36: Ja, ist doch nett.

00:22:38: Vater und Tochter greifen zu ihren ersten Pizza-Stücken.

00:22:44: Ich habe mir einen Glauben verbrannt.

00:22:46: Plötzlich schieben sich auf dem Bildschirm vor ihnen rote Balken in das Programm.

00:22:51: Nachrichtensprecher Peter Klöppel sitzt mit Ernstermine im RTL-Aktuellstudio.

00:22:57: Verehrte Zuschauer, guten Tag.

00:22:59: Wir unterbrechen an dieser Stelle die Sendung.

00:23:01: der Schwächste Fliegt für eine wichtige Nachricht, die uns im Moment hier aus New York erreicht.

00:23:06: Offensichtlich hat sich ein Anschlag auf das World Trade Center ereignet in New York, in Manhattan.

00:23:12: Der Vater lässt langsam sein Pizzastück auf den Teller zurück sinken.

00:23:16: Auf dem Bildschirm steigen schwarze und weiße Rauchschwaden in den Himmel über New York.

00:23:21: Papa,

00:23:22: was bedeutet das?

00:23:24: Ich weiß es nicht.

00:23:26: Aber das ist ernst.

00:23:27: Sehr ernst.

00:23:29: Sie sehen jetzt gerade hier in dem großen Bild die Explosion wie ein Flugzeug, den Linken, also den südlichen Turm des World Trade Centers, trifft.

00:23:37: Eine riesige Explosion in diesem Moment.

00:23:41: Wir können im Moment nichts über die Hintergründe dieses Anschlags sagen.

00:23:44: Wir können nichts über die Zahl der Opfer sagen, aber Sie können erkennen anhand dieser Bilder, dass es sich um eine Explosion ungeahnten Ausmaßes handelt.

00:23:58: Ein Flugzeug fliegt in den Turmen.

00:24:01: Die Türme fallen zusammen.

00:24:04: Ich kann das gar nicht fassen.

00:24:07: Die Pizzen sind längst kalt geworden.

00:24:09: Der Vater und seine Tochter gucken sprachlos auf die chaotischen Bilder, die hinter dem Nachrichtensprecher Peter Klöppel im RTL-Studio in Dauerschleife laufen.

00:24:21: RTL ist am elften September, der erste deutsche Fernsehsender, der das laufende Programm unterbricht, um live über den Anschlag auf das World Trade Center zu berichten.

00:24:32: Moderiert wird die RTL-aktuelle Sondersendung von Chefmoderator Peter Klöppel, der über sieben Stunden non-stop im Studio bleibt.

00:24:40: Diese schnelle und intensive Berichterstattung bringt RTL einen neuen Status.

00:24:46: Zum ersten Mal wird der Sender, der eigentlich für Unterhaltungsformate steht, für seine Nachrichtenkompetenz ernsthaft anerkannt.

00:24:54: Zeitweise schalten mehr Menschen ein als beim ZDF.

00:24:57: Für Klöppel ist das der Beginn seines Weges zum RTL-Chefredakteur.

00:25:06: Hinter den RTL-Kulissen verschieben sich weiter die Machtverhältnisse.

00:25:15: Der deutsche Privatfernsehmarkt verändert sich.

00:25:39: und der Wettbewerb wird härter.

00:25:47: Doch RTL plant schon den nächsten großen Schritt.

00:25:50: Gerhard Zeiler, inzwischen auch CEO der RTL Group, sucht nach einer Show, die alles überstrahlt.

00:25:57: Als Vorlage dient das Casting-Format Pop Idol aus der Feder des Spice Girls-Managers Simon Forer.

00:26:04: Als Juror für die deutsche Adaption gewinnt Zeiler Modern Talking Star und Produzent Dieter Bohlen.

00:26:10: Die Bertelsmann Music Group soll den Plattenvertrag für den Gewinner der Staffel stiften.

00:26:15: Gesucht wird ein neuer deutscher Superstar.

00:26:19: Für die erste Staffel bewerben sich insgesamt rund sechzig tausend Kandidatinnen und Kandidaten.

00:26:24: Und innerhalb kürzester Zeit stehen zehntausend Beschlange, um vor der Kamera gekastet zu werden.

00:26:37: Oktober zwei tausend zwei im Kolonium der MMC-Studios in Köln-Ossendorf.

00:26:43: Es ist das erste Casting von Deutschland sucht den Superstar.

00:26:47: Niemand der Teilnehmenden weiß so richtig, was hier genauer entsteht.

00:26:51: Aber alle hoffen, dass es ihr großer Moment führt.

00:26:56: Im Warteraum prallen Welten aufeinander.

00:26:59: Einige der Wartenden singen sich warm, andere unterhalten sich.

00:27:03: Mitarbeitende von der Produktion eilen durch den Raum, Hatsets auf den Ohren, Klemmbretter in der Hand.

00:27:09: Bitte alle hier einmal unterschreiben, jede Seite, ohne Unterschrift kein Vorsingen.

00:27:14: Seitenlange Verträge wandern durch nervöse Hände.

00:27:17: Sie verpflichten die Kandidatinnen und Kandidaten zu vollkommener Verschwiegenheit.

00:27:22: Eine junge Frau mit Mittelscheitel und grün glitzender Schlaghose nimmt die Unterlagen entgegen.

00:27:27: Neben ihr wirbt ein junger Mann mit zu stacheln hochgegelten Haaren nervös mit dem Fuß.

00:27:33: Nervös, hm?

00:27:33: Ein

00:27:35: bisschen.

00:27:36: Du denn nicht?

00:27:37: Ich singe immer auf Festen bei uns im Dorf.

00:27:39: Ich hab Routine.

00:27:41: Wo kommst du denn her?

00:27:42: Ich bin extra aus dem Saarland angereist.

00:27:44: Und du?

00:27:45: Ich bin aus Köln.

00:27:46: Schon heute Morgen um sieben Uhr stand ich vom Studio.

00:27:50: Ich müsste eigentlich gleich dran sein.

00:27:52: Ich war schon um fünf Uhr hier vor der Tür.

00:27:55: Ich will unbedingt Dieter Bohlen kennenlernen.

00:27:57: Das ist der Moment, auf den ich mein Leben lang gewartet

00:28:00: habe.

00:28:02: Hast du dir diesen Haufen Papier durchgelesen?

00:28:05: Nö, ich habe einfach unterschrieben.

00:28:07: Was soll da schon drinstehen?

00:28:09: Die junge Kandidatin Zögert kurz... setzt ihren Namen dann aber unter die letzte Seite.

00:28:19: Aufgelöst kommt eine Kandidatin vom Vorsingen zurück, vor und hinter ihr Kameras.

00:28:25: Sie wüscht sich sichtlich enttäuscht eine Trainer aus dem Gesicht.

00:28:28: Ein Kameramann tritt näher an sie heran, um ihr von Make-up verschmiertes Gesicht im Close-Up einzufangen.

00:28:35: Ich frag mich, was da passiert ist.

00:28:37: Ich frag sie mal.

00:28:40: Hey, ist alles okay?

00:28:42: Sag mal, hast du mit Dieter Bohlen gesprochen?

00:28:45: Er hat gesagt

00:28:46: ... Du hast wirklich alles,

00:28:48: was wir

00:28:48: nicht brauchen.

00:28:54: Die Produktionsassistenz führt die schluchzende Kandidatin wortlos aus dem Warteraum.

00:28:58: Das Kamera- und Tonteam läuft engagiert hinterher.

00:29:03: Die Arme.

00:29:04: Na ja, kann ja auch nicht jede hier ein Star werden.

00:29:07: Ja, aber das ist schon krass mit diesen vielen Kameras.

00:29:11: Und wer will denn die Leute so weinen sehen?

00:29:14: So, die Nummer zwei, drei, sechs.

00:29:16: Zwo, drei, sechs.

00:29:18: Das bist du.

00:29:20: Viel Glück.

00:29:21: Endlich treffe ich mein Idol.

00:29:24: Die junge Kandidat entsteht selbstbewusst auf, atmet noch einmal tief durch und geht durch die Studiotür.

00:29:37: Mit dem Start von Deutschland sucht den Superstar, im Jahr two-tausend-zwei trifft RTL einen Nerv.

00:29:43: Bis zu fünfzehn Millionen Menschen schalten ein und DSDS wird zu einem spektakulären Erfolg.

00:29:50: Voyeurismus gepaart mit Schadenfreude, und im gezielt inszenierten Skandal werden zum Motor der Aufmerksamkeit.

00:29:58: Dieter Bohlens schonungslose Kommentare liefern Bilder und Zitate, auf die sich die Boulevardpresse regelrecht stürzt.

00:30:07: RTL hat Casting und Reality Shows als preisgünstiges und extrem lukratives Geschäftsmodell etabliert.

00:30:14: Für Bertelsmann wird die RTL Group binnen weniger Jahre zum wichtigsten Umsatz bringer.

00:30:20: Doch während der Erfolg wächst, Drängt sich eine Frage immer stärker auf.

00:30:25: Wie lange kann ein Sender auf billigen Produktionen, Demütigungen und Voyeurismus aufbauen, ohne selbst Schaden zu nehmen?

00:30:59: Die Themen des Tages.

00:31:09: Präsident Putin entlässt Regierungschef.

00:31:12: Erdbeben erschüttert den Norden Marokkus.

00:31:14: Zwischen den Meldungen berichten Reporterinnen und Reporter aus der ganzen Welt von den wichtigen Ereignissen.

00:31:20: Fast zehn Millionen Zuschauer verfolgen die ARD-Hauptnachrichten live zu Hause vor ihren Fernsehbildschirmen.

00:31:27: Die Sendung neigt sich dem Ende zu.

00:31:30: Bundeskanzler Schröder hat zum Abschluss seines Türkei Besuches den nächsten Einspieler bereithalten.

00:31:36: Hinter einer Glasscheibe der Senderkabine sitzen Sendeleitung und Regie.

00:31:41: Auf den Bildschirmen verfolgen sie die Aufzeichnung aus verschiedenen Kamerawinkeln, halten Ablaufpläne ein und kontrollieren technische Anzeigen.

00:31:50: Und nun zu einer Meldung aus Bayern.

00:31:53: Wer?

00:31:53: Sänger und Medienstar Daniel Kübelböck ist bei einem Verkehrsunfall in Niederbayern verletzt worden.

00:31:59: In der Sende Kabine verdreht die Regisseurin die Augen.

00:32:02: Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir gerade wirklich über einen Autounfall eines C-Promis in unseren Hauptnachrichten berichten.

00:32:10: Als ob sonst in der Welt nicht genug passiert.

00:32:13: Ich hätte auch lieber eine andere Meldung gebracht.

00:32:16: Wer hat noch mal die Meldung freigegeben?

00:32:18: Das war eine Anweisung von der ARD-Programmdirektion aus München.

00:32:22: Ah ja.

00:32:25: Na, here we go.

00:32:27: Tagesschau.

00:32:29: Ja, ja, ihr hören es auch gerade.

00:32:32: Nein, nein, kein Fehler.

00:32:34: Genau.

00:32:35: Eine bewusste Entscheidung von ganz oben.

00:32:36: München meint, dass die Tagesschau-Zuschauenden morgen in der Mittagspause nicht die Unwissenden sein sollen.

00:32:43: Ja, mir sind die Hände gebunden.

00:32:47: Kulturchef?

00:32:49: NDR-Nachrichtenreaktion.

00:32:53: Tagesschau.

00:32:55: Ja, ja.

00:32:56: Also bitte, natürlich bleiben unsere Auswahlprozesse journalistisch.

00:33:01: Ob wir schon mal von Nachrichtenrelevanz gehört haben?

00:33:03: Also bitte, das geht jetzt wirklich zu weit.

00:33:05: Ja, selbstverständlich gebe ich das trotzdem weiter.

00:33:08: WDR-Chefredaktion.

00:33:10: Das bleibt bestimmt nicht der letzte Anruf.

00:33:14: Das, was noch vor wenigen Jahren und denkbar gewesen wäre, ist geschehen.

00:33:19: Ein Sternchen aus der Welt von Deutschland sucht den Superstar, schafft es in die Tagesschau.

00:33:25: Der Privatsender RTL, der einst in einem kleinen Studio in Luxemburg begann und nicht sicher war, ob er es mit den öffentlich-rechtlichen aufnehmen kann, beeinflusst inzwischen die Nachrichtenagenda der ARD.

00:33:39: Die Quote ist alles.

00:33:45: Je mehr Menschen einschalten, desto höher sind die Werbeeinnahmen.

00:33:49: RTL nutzt diese Logik konsequent.

00:33:51: Casting und Reality-Shows produzieren vermeintliche Stars, die in anderen Sendungen wie dem Dschungelcamp wieder auftauchen.

00:33:59: Ich bin ein Star, holt mich hier raus, läuft ab Januar, auf RTL und bringt das Prinzip billiger, schnell produzierter Unterhaltung auf die Spitze.

00:34:08: Doch nicht jeder begrüßt diesen Weg.

00:34:11: Der Sender, der eins durch kreative Eigenproduktionen auffiel, macht nun Fernsehen aus der Büchse.

00:34:17: Der deutsche Markt ist zu klein geworden für Expansionen und der Quoten-Bruck steigt.

00:34:22: Nur noch europaweites Wachstum ist möglich.

00:34:25: und Gewinne lassen sich nur noch durch Kostenreduktion steigern.

00:34:29: Der Mut der Sender ist dem wirtschaftlichen Erfolgsdruck gewichen.

00:34:33: RTL jahrelanger Marktführer schlittert auf eine Krise zu.

00:34:43: Früher, in Köln.

00:34:46: Draußen bringt die erste Frühlingssonne den Rhein zum Glitzern.

00:34:50: Im gläsernen Konferenzraum der RTL-Zentrale sitzt Geschäftsführer Gerhard Seiler besorgt über eine Mappe mit aktuellen Quoten, Marktanteilen und Werbeeinnahmen.

00:35:01: Guten Tag, Herr Zeiler.

00:35:03: Der Vorstandsvorsitzende des Bertelsmann-Konzerns, Gunter Thielen, ist extra aus Gütersloh angereist, um die Leitung des Senders wieder auf Kurs zu bringen.

00:35:11: Herr Thielen, schön Sie zu sehen.

00:35:15: Ich wünschte, die Umstände wären positiver.

00:35:18: Danke, dass Sie so kurzfristig gekommen sind.

00:35:21: Hier blieb nichts anderes übrig.

00:35:23: RTL hat den schlechtesten Jahresauftakt seit zehn Jahren hingelegt.

00:35:27: Ich habe Ihre Berichte gelesen.

00:35:29: Wir haben mit RTL in den ersten vier Monaten twenty-fünf Millionen Euro weniger Werbeeinnahmen erzielt als letztes Jahr.

00:35:36: Der Markt gestaltet sich schwierig und wir müssen nach den Quotenhits der letzten Jahre eine neue Sprache finden.

00:35:42: Sie haben am Publikum vorbei gesendet.

00:35:45: Mindestens die Quote in unserer entscheidenden Zielgruppe sollten wir erhalten.

00:35:49: Aber wir stagnieren unter sechzehn Prozent.

00:35:52: Es stimmt, mehrere Eigenproduktionen haben nicht gezündet.

00:35:55: Für Big Boss und die Bachelorette hatte ich mehr erhofft.

00:35:58: Selbst die Skisprung-Übertragungen holen uns keine verlässlichen Marktanteile mehr.

00:36:03: Wie schnell können wir die Verluste eindämmen?

00:36:06: Nun ja, schnell ist relativ.

00:36:09: Wir müssen das Programm stabilisieren.

00:36:11: Wenn wir jetzt nur auf Gewinn drücken, riskieren wir unsere Marke und unsere Bindung an die Zuschauenden.

00:36:17: Marke schön und gut, aber RTL muss profitabel sein.

00:36:21: Wir müssen Kosten senken, Formate überdenken, vielleicht auch unpopuläre Entscheidungen treffen.

00:36:27: Aber das darf nicht auf Kosten des Programms gehen.

00:36:30: Kurzfristiger Gewinn um jeden Preis zerstört alles, was wir in diesem neuen Jahrtausend aufgebaut haben.

00:36:36: Herr Zeiler, Qualitätszahl keine Rechnungen.

00:36:38: Das muss ich Ihnen doch nicht sagen.

00:36:40: Wir sprechen von Millionenverlusten.

00:36:43: Ein Umsatzminus von drei Komma sechs Prozent.

00:36:46: Wir müssen handeln, und zwar jetzt.

00:36:49: V-Marte brauchen Zeit, um sich zu etablieren.

00:36:52: Die deutsche Senderlandschaft hat sich zerstreut.

00:36:55: Der Markt ist gesättigt.

00:36:56: Wir brauchen Zeit, um uns neu aufzustellen.

00:37:00: Für Bertelsmann ist die Lage klar.

00:37:02: Wenn wir nicht jetzt den Kurs wechseln, werden Kürzungen nicht ausbleiben.

00:37:08: Herr Zeiler, sorgen Sie dafür, dass die Programme, die nicht laufen, schnellstmöglich eingestellt werden.

00:37:14: Der Bertelsmann-Chef erhebt sich energisch.

00:37:18: Bevor er aus der Tür geht, dreht er sich noch mal zum RTL-Geschäftsführer um.

00:37:23: Und Herr Zeiler.

00:37:25: Ihre Bemühungen in allen Ehren, aber sie arbeiten gerade insgesamt neunzig Stunden die Woche.

00:37:29: Als CEO der RTL Group werden sie in Luxemburg gebraucht, als RTL-Deutschland-Geschäftsführer in Köln.

00:37:36: Denken Sie nicht, dass sie sich ausschließlich den Angelegenheiten der RTL Group widmen sollten?

00:37:42: Vielleicht haben Sie recht?

00:37:45: Es ist Zeit, den Sender in neue Hände zu geben.

00:37:53: Zwei-tossendfünf steht RTL unter Druck.

00:37:56: Neuentwickelte Formate werden reinweise abgesetzt.

00:38:00: Das neue Reality-TV, das einst die Nation elektrisierte, bleibt jetzt hinter den Erwartungen zurück.

00:38:06: Die öffentliche Kritik an den billig produzierten Sendungen wird immer lauter.

00:38:11: Auch Mr.

00:38:12: RTL Helmut Thoma meldet sich wieder öffentlich zu Wort und attackiert die Bertelsmann-Maschinerie.

00:38:18: Im September, Gert Seiler gibt seinen Posten als RTL-Geschäftsführer auf, um sich den internationalen Geschäften der RTL-Group widmen zu können.

00:38:28: Seiner Nachfolge überlässt er die Aufgabe, den Sender in eine stabile Zukunft zu führen.

00:38:34: Doch schon bald betritt ein neuer Player die Bühne des Bewegtbildmarktes.

00:38:39: Und RTL muss sich auf ein Zeitalter einstellen, in dem alles, was bisher sich erschienen, erschüttert wird.

00:38:52: Das war Folge drei von vier von Imperium.

00:38:55: Die RTL-Story von Studio J. Ein Hinweis zu den Dialogen, wie du gehört hast.

00:39:00: Wir wissen natürlich nicht genau, was gesprochen wurde.

00:39:03: Alle Dialoge basieren nach bestem Wissen auf unseren Recherchen.

00:39:06: Wenn du mehr darüber erfahren willst, was der neue Reality-Hype Anfang der Zweitausender mit den jungen Protagonisten des RTL-Imperiums gemacht hat, empfehlen wir dir die dreiteilige Dokuserie, die Kübelböck-Story, Eure Lana Kaiser, in der ARD-Mediathek.

00:39:23: Ich bin Marc-Ben Poch.

00:39:25: Und ich bin Aline Staskowiak.

00:39:27: Marie Hecht hat die Folge geschrieben.

00:39:30: Für Studio J. Producer Alex Hemsen, Executive Producer Janis Gibout.

00:39:36: Das Sounddesign hat Justin Göde gemacht, gemischt von Fabian Klinke.

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